Besucherzählung im Nationalpark: Das große Rechnen

10.03.2022 von Oliver Gewald in Kategorie: Blog

Wie viele Menschen besuchen eigentlich täglich den Nationalpark Schwarzwald? Zahlreiche Zählende machen es sich immer wieder an den Zähltagen, die regelmäßig an einigen Sonntagen im Jahr stattfinden, zur Aufgabe, genau das herauszufinden. Nationalparkblogger Oliver hat eine dieser Besucherzählungen im Herbst 2021 begleitet.

Eine kleine Lehrstunde vorweg: Eine Inversionswetterlage beschreibt die Situation, wenn unten im Tal die graue Nebelsuppe hängt – und oben auf den Gipfeln des Schwarzwaldes strahlender Sonnenschein herrscht. Diese Wetterlage kommt besonders häufig im Herbst vor. Soweit so gut, doch was hat das mit einer Besucherzählung im Nationalpark zu tun?

Nun ja – glücklicherweise herrschte an jenem sonnigen Sonntagmorgen, an dem sich 68 Helferinnen und Helfer auf ihren Weg zur Besucherzählung im Nationalpark machten, eine solche Inversionswetterlage. Und was bedeutet das, wenn im Tal der Nebel hängt? Richtig: Besonders viele Menschen suchen ihr Glück in den Höhenlagen, oberhalb der grauen Suppe. Auch ich mischte mich als Nationalparkblogger unter die vielen Sonne Suchenden, als ich mich als Teil einer Rangerführung auf den Weg vom Ruhestein zum Wilden See machte. Doch zurück zum Thema: Wie viele Menschen sind denn nun an einem solchen Tag im Nationalpark unterwegs?

 

Ein ausgeklügeltes System

Dominik Rüede beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren mit dieser Frage. Der Nationalparkmitarbeiter ist im Fachbereich 3 für regionale Entwicklung zuständig – und hat das Konzept der Besucherzählung entworfen. Mit ihm treffe ich mich an diesem sonnigen Nachmittag am Skilift Ruhestein, um einen der Zählpunkte zu besuchen. „68 Zählende sind heute über den ganzen Park verteilt“, erklärt er. 68 Zählpunkte auf einem riesigen Gebiet von fast 10.000 Hektar. Da muss man erst einmal den Überblick behalten! Hilfe leistet dabei eine A3-große Karte, die Dominik präsentiert:

Jeder rote Punkt steht dabei für einen Zählenden. Diese wurden vom Freundeskreis Nationalpark Schwarzwald e. V. rekrutiert – teilweise aus dem Freundeskreis selbst, aber auch Studierende verschiedener Hochschulen und sonstige Interessierte aus der Region sind dabei.

Doch das ist noch nicht alles – das Zählen an sich ist ebenfalls richtig kompliziert: „Pro Punkt gibt es gleich mehrere Möglichkeiten, wie ein Weg begangen werden kann“, sagt Dominik, während er auf die Karte deutet. In den Park rein, aus dem Park raus – und teilweise kreuzen sich dabei sogar gleich mehrere Wege. Bei drei Wegen, also einer einfachen Weggabelung, gibt es schon sechs Möglichkeiten, wie man einen Zählpunkt passieren kann. Bei einer Kreuzung mit vier Wegen 12 Möglichkeiten – bei Kreuzungen mit fünf Wegen dann schon 20. „Deshalb erfassen wir auch die genaue Route, mit der die Besucherinnen und Besucher über den Zählpunkt laufen. Anschließend definieren wir, was als erstmaliger Nationalparkeintritt gewertet wird. Dann machen wir noch kleinere, zusätzliche räumliche Abschätzungen, weil wir ja nicht alle Punkte im Park besetzen können. Und zeitliche Hochrechnungen – schließlich wird nicht nonstop 24 Stunden gezählt, sondern nur in einem sechsstündigen Zeitraum am Tage. Am Ende addieren wir das – und kommen so zu einer Gesamteinschätzung des Besucheraufkommens.“ Uff, aha… Also mit einer einfachen Strichliste ist es hier nicht getan.  

 

Was mit den Zahlen in der Folge geschieht

Dass im Nationalpark Schwarzwald die Besucher und Besucherinnen gezählt werden, ist tatsächlich nichts Neues. Genau genommen findet das sogar jeden Tag, rund um die Uhr statt – denn im ganzen Gebiet sind kleine, unscheinbare Zählschranken versteckt. Diese messen, wie viele Personen an einem Tag vorbeikommen. Da damit jedoch nur bestimmte Punkte erfasst werden, findet seit 2015 in regelmäßigen Abständen eine Besucherzählung von Hand statt. Zuletzt wurde im Winter Anfang 2019 fleißig gezählt – dann kam Corona. Die nächste Erfassung der Besuche war deshalb erst wieder im Herbst 2021.

„Die Zahlen unterscheiden sich gänzlich, je nach Saison“, erklärt Dominik. „Alleine schon deshalb, weil sich das Wegenetz und die Art der Besuche verändert.“ Im Sommer seien es viele Wanderer, aber auch Radfahrerinnen und Radfahrer. Und im Winter kommt natürlich noch die Wintersportnutzung, also Langlauf und Schneeschuhwandern, dazu. Deshalb seien Zählungen zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten im Jahr auch so wichtig. Damit wird später nicht nur überprüft, ob die Zählschranken noch richtig funktionieren – auch das Wegenetz wird anhand dieser Erkenntnisse angepasst.

„Wenn wir alle Zahlen eines Zähltages zusammengefasst haben, können die Ranger daraus Schlüsse ziehen“, erklärt Dominik. Anhand der Zahlen werden beispielsweise Dienstpläne angepasst – oder untersucht, ob Infrastruktur und Angebote auch wirklich zum jeweiligen Besuchsaufkommen passen.

„Interessant, weil man dabei immer wieder ins Gespräch kommt“

Doch bevor es soweit ist, steht die mühsame Arbeit des Zählens an. Dominik und ich sind mittlerweile bei Bertram Bliss angekommen. Der Architekt ist einer der 68 Zählenden, die über den Freundeskreis rekrutiert wurden. Für ihn ist dieser Tag nicht nur wegen der Zählung besonders – es ist gleichzeitig sein erster Ausflug in der Nationalpark Schwarzwald. „Ich gehe schon gerne in die Natur. Bisher hat es sich allerdings noch nie ergeben.“ Ein guter Anlass für einen ersten Besuch also!

Seine Aufgabe ist es, den Besucherstrom zwischen Darmstädter Hütte und Ruhestein zu erfassen. „Ganz schön interessant, weil man dabei immer wieder ins Gespräch kommt“, berichtet Bertram Bliss. Zu sehr ablenken lassen darf er sich dabei jedoch nicht. Schließlich muss nicht nur die Anzahl der Besucherinnen und Besucher sowie die Richtung, aus der sie kommen, gezählt werden. Gleichzeitig werden Radfahrerinnen und Radfahrer erfasst und bei Hunden notiert, ob sie angeleint oder nicht angeleint unterwegs sind. Glücklicherweise ist Bertram fit, wenn es um Erfassungen wie diese geht. „Ich mache alles, was mir Spaß macht – unter anderem auch Umfragen für ein Institut.“ Wie gemacht für diesen Job also!

Mit Mathematik zur Jahresschätzung

Alle Bögen landen später im Büro von Dominik Rüede. Damit wird nun nicht nur das Besuchsaufkommen des jeweiligen Tages berechnet – auch eine Schätzung zu den jährlichen Besuchen lässt sich daraus ableiten. Ein einfaches Addieren der Zahlen reicht dann allerdings nicht mehr aus: Basierend auf den Zählgerätsdaten und den manuellen Ergebnissen an dem jeweiligen Zähltag wird ein Multiplikator gebildet. Ein Multiplikator ist notwendig, um für alle restlichen Tage an denen nur die Zählgerätsdaten vorliegen eine Abschätzung für das Gesamtgebiet vornehmen zu können. Dadurch, dass sowohl im Herbst, als auch im Winter die großen Besucherzählungen durchgeführt werden erhält man zwei Multiplikatoren, die – je nach Besuchsaufkommen in der jeweiligen Wintersaison – gewichtet werden. Mit dem daraus entstehenden Gesamtjahresmultiplikator werden dann die Zählgerätsdaten eines Jahres multipliziert, so dass man als Ergebnis die Abschätzung zum Besuchsaufkommen eines Jahres bekommt. War doch ganz einfach, oder?

Und was sagt uns das alles nun? Rund 8.600 Besuche wurden an diesem Tag erfasst. „Damit war an diesem Tag recht viel los“, zieht Dominik Resümee. Die Auswertung, wie oft der Nationalpark Schwarzwald im Jahr 2021 insgesamt besucht wurde, ist hier veröffentlicht. Und eines ist wohl sicher: Wenn jeden Tag eine solche Inversionswetterlage wie an diesem Zähltag im Oktober herrschen würde, würden Dominik Rüedes Zahlen wohl alle Rekorde brechen.

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Zum Autor

Oliver Gewald

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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