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Mechthild Wachter

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„Eine Spur wildere“ Pferde

27.08.2020 von Mechthild Wachter in Kategorie: Blog
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Halbwilde Koniks helfen, die uralten Bergweiden im Nationalpark zu erhalten.

Der Nationalpark zeigt sich an diesem Montagmorgen im Juni von seiner wild-romantischen Seite. Oben am Schliffkopf wabern Nebelfetzen. Es ist feucht, von den Büschen und Bäumen tropft das Wasser. Es herrscht eine wattige Stille. Gedrungene Rinder mit weit geschwungenen Hörnern glotzen von der Weide direkt neben dem Parkplatz Steinmäuerle neugierig herüber.

Nicht Weide, sondern Grinde ist das korrekte Wort, werde ich gleich erfahren. Diese bereits im Mittelalter angelegten Bergheiden waren typisch für den Nordschwarzwald im Bereich von Hornisgrinde, Schliffkopf und Kniebis. Sie sind – indirekt – der Grund, warum ich heute hier oben bin. Denn diese Weiden werden seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr landwirtschaftlich genutzt und drohen zuzuwachsen. Deshalb hat der Nationalpark eine Reihe von ganz besonderen „Angestellten“, die die Grinden freihalten: Hinterwälder Rinder, Heckrinder, Schafe, Ziegen – und seit diesem Jahr halbwilde Konik-Pferde. Und die darf ich heute besuchen – oder vielmehr suchen. Dabei bin ich Teil einer illustren Runde: Matthias Reinschmidt, Zoodirektor in Karlsruhe (ja, der aus dem Fernsehen ...); Jochen Paleit, Bürgermeister von Kappel-Grafenhausen; Wolfgang Schlund, Leiter des Nationalparks sowie Marc Förschler, Leiter Fachbereich Ökologisches Monitoring, Forschung und Artenschutz im Nationalpark und sein Kollege Thomas Gamio, verantwortlich für Weiden und Weidetiere.

Wir ziehen los, staken in einer Reihe über die rutschigen Wege. „Da!“, ruft Marc Förschler plötzlich und zeigt auf einen winzigen Punkt an der Spitze eines abgestorbenen Baumes. „Ein Baumpieper. Den würde es ohne die Weidetiere hier nicht geben.“ Gut, dass der Experte dabei ist. Ich hätte den unscheinbaren Vogel nie im Leben entdeckt. Bei schlechtem Wetter singt er nicht mal, was er eigentlich sehr schön kann, und so verschmilzt er durch seine bräunliche Färbung komplett mit dem Ast. Der Baumpieper ist ein Bodenbrüter, der lichte Stellen im Wald zur Futtersuche und zum Brüten benötigt. Eine Mission haben die „eine Spur wilderen“ Pferde also bereits erfüllt. Aber wo sind sie denn nun?

Ab ins Unterholz

Erstmal ein Gatter. Und gleich zwei Verbotsschilder. „Wildtierschutzgebiet – do not enter“ und eine Holztafel, die erklärt, dass und warum die Konik-Weide nicht betreten werden darf. Von den Pferdchen immer noch keine Spur – aber eigentlich logisch. Wir sind in einem Nationalpark und nicht im Zoo. Apropos … was macht der Zoodirektor eigentlich hier? Während wir weitersuchen, kann ich ihn ja mal fragen. Mit einem freundlichen Nicken nimmt er zur Kenntnis, dass ich seit Jahren ein großer Fan seiner Tierreportagen bin, egal ob über die Papageien im Loro-Park auf Teneriffa oder aus dem Zoo Karlsruhe. Gerade sei er mit Frank Elsner bei den Berggorillas in Uganda gewesen. „Da sind sie!“ Ich sehe gerade noch etwas Graues im Wald verschwinden. Oder war ich gedanklich noch bei den Gorillas? Die ganze Gruppe biegt unvermittelt vom Weg ins Unterholz ab. Nasser Farn klatscht gegen die Beine, Stiefel versinken im nassen Boden, Äste schnappen gefährlich nah am Gesicht vorbei. „Da stehen sie!“

Verwandt mit den Tarpanen

Ich bin überrascht. Die Pferdchen sind erstaunlich groß. 130 bis 140 Zentimeter Stockmaß (bis zur Schulter), um genau zu sein. Sie stammen ursprünglich aus Polen und tragen eingezüchtete Gene der letzten echten Wildpferde, der Tarpane. Drei grau gefärbte Koniks mit schwarzen Mähnen und dunklen Fesseln stehen im Unterholz und tun, was sie tun sollen: Sie rupfen junge Triebe von Büschen und Bäumen aus dem Boden. Als hätten sie diesen Auftritt für den heutigen Besuch geübt. Und sie äpfeln. Ja, selbst das ist wichtig: Seit verschiedene Weidetierarten auf den Grinden sind, hat die Dungkäferpopulation und Artenvielfalt erkennbar zugenommen. Und warum ist das wichtig? Weil so ein natürlicher Kreislauf entsteht. Denn die Käfer sind wiederum Futter für Vögel und andere Waldbewohner. Darüber hinaus sorgen sie dafür, dass die tierischen Hinterlassenschaften abgebaut werden und auch Pflanzensamen besser keimen können. Nächste Mission erfüllt also.

Das erste Nationalpark-Fohlen

Ach du meine Güüüüte! Was ist das denn? Nicht nur ich, auch der Zoodirektor, der Bürgermeister und der Nationalparkchef sind entzückt: Ein Fohlen mit silberfarbenem Fell lugt schüchtern zwischen den Beinen einer Stute hervor. Es ist tatsächlich im Frühjahr hier im Wald auf die Welt gekommen. Ganz ohne menschliche Hilfe. So wie sich das für einen Wildpferd-Abkömmling gehört. Die kleine Herde auf dem Schliffkopf besteht nun aus einem Hengst, zwei Stuten und dem Fohlen. Die Tiere leben auf einer 18 Hektar großen Weide, die von Thomas Gamio vom Nationalpark fachgerecht eingezäunt wurde. Aber wie schon gesagt: Betreten verboten! Was ein bisschen schade ist, aber sehr wichtig für die Tiere. Sie dürfen keinen Schaden nehmen, zum Beispiel durch falsche Fütterung oder ständige Störungen.

Zoo, Taubergießen und Nationalpark kooperieren

Die Frage, warum ein Zoodirektor auf dem Schliffkopf durch den Wald stapft, auch noch begleitet von einem Bürgermeister, wurde aber immer noch nicht geklärt. Die Antwort ist eine ungewöhnliche und der erst im Frühjahr 2020 entstandenen Kooperation zwischen der Gemeinde Kappel-Grafenhausen, dem Nationalpark Schwarzwald und dem Zoo Karlsruhe geschuldet. Die Koniks stammen nämlich aus dem Projekt Wilde Weiden Taubergießen, auf das Bürgermeister Jochen Paleit zurecht besonders stolz ist. Im Winter leben die Pferde im milderen Klima in den Rheinauen und halten dort zusammen mit urigen Rindern die Auen offen. Wer die seltenen Pferde also gerne einmal sehen will, hat dort im Winter gute Chancen. Dem Zoologischen Stadtgarten Karlsruhe gehören die Tiere faktisch – die Tier-Experten begleiten das Projekt auch fachlich.

Übrigens: Ganz sich selbst überlassen sind die Tiere nicht. Es wird regelmäßig überprüft, ob sie gesund und wohlgenährt sind. Bei meinem Besuch waren sie es.

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