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Judith Wildt Bastos

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Tierische Geheimnisse

Die Suche nach der Wasserspinne

22.05.2020 von Judith Wildt Bastos in Kategorie: Blog
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Der Nationalpark Schwarzwald ist ein Dorado für seltene Tier- und Pflanzenarten. Immer wieder machen Forscher hier überraschende Funde. So auch die Arachnologen des Naturkundemuseums Karlsruhe im Herbst 2019.

 

Umsäumt von hochgewachsenen duftenden Tannen liegt tief im Wald bei Baiersbronn im Landkreis Freudenstadt der Huzenbacher See. Um den Karsee aus der Eiszeit(Link zur Eiszeit-Geschichte) ranken zahlreiche Legenden. Munkelt man doch, der See sei eine unterirdische Pforte zur Welt der See- und Wassergeister. Auch Spinnenforscher Dr. Hubert Höfer vom Naturkundemuseum Karlsruhe ist fasziniert von der geheimnisvollen Aura des Gewässers im Nordschwarzwald. Abgesehen von der landschaftlich einmaligen Kulisse bietet der Karsee mit seinem klaren, sauerstoffreichen Wasser einen besonderen Lebensraum für Tiere. Hier hofft der Wissenschaftler ein bisher gut gehütetes tierisches Geheimnis zu lüften.

 

Dr. Höfer auf Unterwasser-Mission

Rückblick. Herbst 2019: Der Arachnologe hat seinen weißen Laborkittel gegen  Kescher und Gummistiefel getauscht. Im seichten Wasser fischen er und seine Kollegen nach einem ganz besonderen Krabbler: Argyroneta aquatica – auch bekannt als die Wasserspinne. Ein heißer Tipp hat die Spinnenkundler an den Huzenbacher See gelockt. Der Chef der Biowissenschaften sagt: „Ein Biologe, der im Auftrag des Nationalparks Schwarzwald ein Gutachten über den Bestand an Wasserkäfern erstellte, berichtete mir, dass er die Wasserspinne an diesem Uferabschnitt schon öfters gesichtet hat.“ Argyroneta aquatica ist die einzige von über 48000 Spinnenarten, die dauerhaft unter Wasser leben kann. Zwar ist sie in Europa weit verbreitet, bleibt aber aufgrund ihrer versteckten Lebensweise oft unentdeckt. Als Museumswissenschaftler und Kurator (Sammlungsmanager) hat Höfer vor allem ein Interesse: Spinnen in Baden-Württemberg zu erfassen und ihre Lebensgewohnheiten zu studieren. „Auch das Konservieren der Tierchen ist wichtig, um einen handfesten Beleg ihrer Existenz zu haben“, so Höfer. 

Wie ein Taucher in einer Taucherglocke

Argyroneta aquatica fasziniert die Spinnenfreunde weltweit. Hat sie sich im Laufe der Evolution doch perfekt an die Bedingungen unter Wasser angepasst. Sobald die Spinne untertaucht, sind Hinterleib und Bauchseite ihres Vorderkörpers von einer silbrig glänzenden Luftschicht überzogen. Deshalb wird die Wasserspinne auch Silberspinne oder Silberschwimmer genannt. In ihrem Unterwasserleben baut sich die Spinne darüber hinaus verschiedene mit Luft gefüllte, glockenförmige Netze. Der Naturforscher erläutert: „Wie ein Taucher in einer Taucherglocke kann die Spinne so unter Wasser einfach weiteratmen.Hier kann sie wohnen, fressen, Eier ablegen und ihre Jungen aufziehen“, so Höfer. Zu ihren Lieblingsspeisen zählen Wasserorganismen wie Wasserasseln oder Mückenlarven. Er ergänzt: „Die Wasserspinne hat sich den Lebensraum Wasser als einzige ihrer Art erobert. Da gibt es keine Konkurrenten – für das Tier ein entscheidender Überlebensvorteil.“

Warum es naturbelassene Schutzgebiete wie den Nationalpark braucht

 

Allerdings stellt die Wasserspinne hohe Ansprüche an ihre nasse Umgebung: nur in strömungsarmen, wasserpflanzen- und sauerstoffreichen Gewässern fühlt sie sich wohl. „Diese Bedingungen sind in unserer Landschaft leider selten geworden“, sagt Arachnologe Höfer. Deshalb wird die Art in der Roten Liste Deutschlands als gefährdet, in Baden-Württemberg sogar als stark gefährdet eingestuft. Vor diesem Hintergrund sind große Schutzgebiete wie der Nationalpark Schwarzwald für das langfristige Überleben der Wasserspinne wichtig. Auch Dr. Jörn Buse, Entomologe im Nationalpark Schwarzwald, unterstreicht: „Im Nationalpark wollen wir die Einflüsse menschlicher Nutzung so weit wie möglich zurückdrängen. Tiere und Pflanzen sollen hier von der naturbelassenen Umgebung profitieren.“ Auch außerhalb des Nationalparks befänden sich im Schwarzwald aufgrund der geringen ackerbaulichen Nutzung geeignete Lebensräume mit klaren, sauerstoffreichen Gewässern, ergänzt der Insektenforscher.

 

Nationalpark & Naturkundemuseum: eine fruchtbare Kooperation

Für den Schwarzwald Nationalpark sind Höfers Forschungen wichtig. Neben dem Schutz der Arten geht es darum, herauszufinden, was passiert, wenn man die Natur sich selbst überlässt. Höfer erläutert: „Uns interessiert: Welche Arten verschwinden? Wie entwickelt sich die Populationen? Wie verändert sich das Ökosystem?“ Seit mehr als zehn Jahren kooperiert der Spinnenforscher bereits mit dem Nationalpark bzw. mit dem ehemaligen Naturschutzzentrum. Die hiesigen Forscher sorgen mit ihren Erfassungen auf Dauerbeobachtungsflächen für jede Menge Spinnenmaterial. Dieses werten Höfer und seine Mitarbeiterinnen vom Naturkundemuseum schließlich aus. Höfer sagt: „Das Material ist extrem wertvoll, weil es uns in ein paar Jahren am Beispiel der Spinnen zeigen wird, wie sich die einheimische Tierwelt und Fauna verändert.“

 

Spinnen sind im Nahrungsgefüge ein wichtiges Glied

 

Spinnen machen im Waldökosystem einen ansehlichen Teil der tierischen Biomasse aus. Neben Käfern sind sie die größte Räubergruppe. Gleichzeitig kontrollieren Spinnen als Jäger das ökologische Gleichgewicht. Um zu veranschaulichen, wieviel Biomasse von Spinnen umgewandelt wird, erläutert der Wissenschaftler eindrucksvoll: „Spinnen konsumieren weltweit mehr Fleisch als Menschen. Nach neuesten Schätzungen zwischen 400 und 800 Millionen Tonnen an Beute.“ Noch ein Zahlenbeispiel gefällig? Würden alle Spinnen verschwinden, wäre der Boden binnen eines Jahres meterhoch von Insekten bedeckt. „Weil diese ja nicht mehr von Spinnen gefressen werden“, ergänzt Höfer. Zu guter Letzt hat der leidenschaftliche Spinnenkundler noch eine erfreuliche Nachricht: Drei Wasserspinnen aus dem Huzenbacher See leben bis heute putzmunter in Aquarien des Naturkundemuseums. Schmunzelnd sagt er: „Ich habe es noch nicht übers Herz gebracht, sie zu konservieren.“

Weitere interessante Fakten rund um die Wasserspinne?

Hier geht es zum Naturkundemuseum Karlsruhe.

Hier erfährt man auf den Seiten des Naturkundemuseums Interessantes zum Thema Wasserspinne.

Und hier geht es zur Seite "Spinnen im Nationalpark Schwarzwald", auf der alle Spinnenarten gelistet sind, die Hubert Höfer und weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Nationalpark Schwarzwald gefunden haben.