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Oliver Gewald

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Wieso die Gedanken hier besonders frei sind

10.07.2020 von Oliver Gewald in Kategorie: Blog
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Bunte Farben, herrliche Ausblicke und unberührte Natur: Ein Ausflug in den Nationalpark bietet viele Möglichkeiten, Einzigartiges zu sehen und zu erleben. Doch was löst das eigentlich in unserem Körper aus?

 

Seit Monaten bestimmt das Coronavirus unseren Alltag. Wir arbeiten im Homeoffice, bleiben zu Hause und wahren Abstand zu anderen Menschen. Je länger wir dabei auf bestimmte Sachen verzichten müssen, desto mehr lernen wir diese Dinge zu schätzen. Keine unbeschwerte Geburtstagsparty, keine Wandertour in größerer Runde im Nationalpark – so sah unser Alltag in den vergangenen Monaten aus. Einen kleinen Trost kann in diesen Zeiten die virtuelle Realität bieten, wie uns Kai Israel von der Hochschule Offenburg in einem der letzten Blogbeiträge gezeigt hat. Dank seiner Studie wissen wir, dass auch schon die Projektion von Wildnis auf einer VR-Brille eine beruhigende Wirkung auf den Menschen haben kann. Doch jetzt, wo das Leben langsam und unter Einhaltung der Abstandsregeln zurückkehrt, ist auch in der echten Welt wieder mehr möglich. Was das nach der langen Corona-Pause wohl in uns auslöst?

 

Der Gegensatz zu unserem Alltag

 

Dr. Kerstin Ensinger ist Teil eines Teams, das solchen Fragen nachgeht. Sie ist Diplom-Psychologin und arbeitet im Fachbereich 3 im Nationalpark, der sich mit sozialwissenschaftlicher Forschung beschäftigt. Unter anderem setzen sich Ensinger und ihre Kolleginnen und Kollegen mit der Wirkung von Wildnis auf den Menschen auseinander.

„Ein Besuch im Nationalpark ist natürlich ein herrlicher Tapetenwechsel“, erklärt die Diplom-Psychologin. „Alleine, was wir dort gerade visuell wahrnehmen, die vielen verschiedenen Farbtöne zum Beispiel – das ist überwältigend!“ Dass die Natur so eindrucksvoll auf uns wirkt, hat vor allem mit unseren Gewohnheiten und unserem Lebensstil zu tun. Immerhin ist unser Alltag oft geprägt von Konzentrationsaufgaben, von Anspannung – sei es nun körperlich oder geistig. „Hier sind wir auf gerichtete Aufmerksamkeit angewiesen. Wir müssen Ablenkungen ausblenden, was zu einer emotionalen Ermüdung führt“, erläutert Ensinger. „Im Nationalpark können wir unsere Umgebung wieder analog wahrnehmen und verschiedenste Dinge sehen, hören, erleben. Unter anderem können Sie auch den Horizont wieder wahrnehmen und einfach mal den Blick schweifen lassen.“ Dinge, die in unserem Alltag häufig zu kurz kommen.

 

Der Puls sinkt, der Mensch beruhigt sich

 

Schauen wir uns das vegetative Nervensystem an, das gewissermaßen das Kontrollsystem unseres Körpers ist. Es steuert alle lebenswichtigen Funktionen und teilt sich in den Sympathikus und den Parasympathikus auf. Letzterer kommt ins Spiel, wenn wir von der Wirkung der Wildnis reden. Denn dieser Teil des Nervensystems steuert vorwiegend Körperfunktionen, die der Regeneration des Organismus und dem Aufbau von Energiereserven dienen. Er greift also ein, wenn sich unser Körper beruhigt. Sehr gut funktioniert das zum Beispiel beim Erleben einer Umgebung, die an Wildnis erinnert: „Die Herzfrequenz und der Cortisolspiegel sinken“, sagt Kerstin Ensinger. Das sorgt dann dafür, dass auch unser Stresslevel sinkt und sich die Stimmung hebt. „Man fühlt sich nicht mehr so gereizt, ist ausgeglichener. Das ist die körperliche Wirkung von Natur.“

 

 

„Den Himmel wieder wahrnehmen können“

 

Doch nicht nur unser Nervensystem – auch unser Geist reagiert auf Natur und Wildnis. Die große Distanz zum Alltagsgeschehen sorgt dabei nicht nur dafür, dass wir im Nationalpark Stress abbauen und uns erholen können. Gleichzeitig, betont Kerstin Ensinger, stellen wir dort auch einen mittlerweile unbewussten Mechanismus ab: „In der Wildnis müssen wir nicht mehr schlussfolgernd denken. Wir können dort produktiv unproduktiv sein und haben das Gefühl, über den Dingen zu stehen.“ Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studien zur Wirkung von Wildnis auf Menschen beschrieben dieses Gefühl so, dass sie „den Himmel wieder wahrnehmen können und sich gleichzeitig geerdet fühlen.“ Etwas, das in unserem leistungsbetonten Alltag häufig zu kurz kommt. Für die Sozialwissenschaftlerin ist es deshalb wichtig, den Nationalpark auch live zu erleben und nicht nur durch eine VR-Brille. „Sie können mir viel über Schokolade erzählen: wie sie aussieht, wie sie schmeckt. Aber am Ende möchte ich sie selbst probieren.“ So verhält es sich auch mit der Wildnis des Nationalparks. Ein Ort, der eine wunderbare Abwechslung zu unserem Alltag bietet und an dem man – wissenschaftlich nachgewiesen – so richtig entspannen kann!

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