Der Nationalpark nach dem Winter: das große Aufräumen

04.06.2021 von Oliver Gewald in Kategorie: Blog

Wenn der letzte Schnee geschmolzen ist, sorgen Tim Tschöpe und seine Kolleginnen und Kollegen für die Sicherheit auf Wander- und Radwegen. Nationalpark-Blogger Oliver Gewald hat das Team der Wegesicherung einen Tag lang begleitet.

Rums! Kurz zittert die Erde im Nationalpark. Es knarzt und kracht, bevor ein riesiger Baum auf dem Boden aufschlägt. „Gut so. Jetzt noch den anderen“, dirigiert Tim Tschöpe aus sicherer Entfernung. Der 29-Jährige ist Gebietsleiter im Nationalpark, zuständig für rund 4000 Hektar rund um den Wilden See. An diesem kalten Morgen im April ist er auf einem Wanderweg unterhalb des Sees im Einsatz – der Winter hat seine Spuren im Nationalpark hinterlassen.
„Bei unserer üblichen Kontrolle haben wir festgestellt, dass diese Bäume hier eine Gefahr für Besucherinnen und Besucher darstellen“, erklärt Tim Tschöpe. „Sowas beseitigen wir dann.“

Zwischen Beobachtung und Verantwortung

Bäume beseitigen – für den ersten Moment klingt das durchaus ungewöhnlich, zumindest in einem Nationalpark. Geht es dort doch darum, die Natur unberührt zu lassen, ihre Entwicklungen zu beobachten und Schlüsse daraus zu ziehen. Wie passen da eine Motorsäge und ein Schlepper ins Bild? „Wir haben eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die die Wege nutzen“, erläutert Tim Tschöpe, während seine Kollegen den nächsten querliegenden Baum in Angriff nehmen. „Die Bäume, um die wir uns hier gerade kümmern, sind eine Gefahr, sie können jederzeit auf den Wanderweg fallen.“ Winterstürme oder auch extremer Schneefall, der zu Schneebruch führt, sind dafür verantwortlich. Eines dieser Ereignisse reiche schon aus, um einen Weg unbegehbar zu machen. „Wir könnten durchaus auch einfach nichts machen – aber dann dürften wir leider auch niemanden mehr ins Gebiet lassen.“

Die Lösung: das Wegekonzept. Auf dem Gebiet rund um den Wilden See, das so groß ist wie ungefähr 5600 Fußballfelder, erstrecken sich mehr als 130 Kilometer Wanderwege. Auf und an diesen Wegen, die sich im Winter übrigens teilweise in Loipen verwandeln, wird aktiv am Wald gearbeitet. Der Rest der Natur bleibt unberührt. „Und auch hier gilt, dass wir wirklich nur extreme und offensichtliche Gefahren beseitigen. Selbst die so genannten Dürrständer, also abgestorbene Bäume, lassen wir unberührt. Uns geht es einzig und allein darum, die Besucher zu schützen.“

Um solche extremen Gefahren handelt es sich auch bei den Bäumen, die Tim Tschöpe heute zusammen mit drei anderen Forstwirten aus dem Wald zieht. Kreuz und quer hängen sie über dem Wanderweg, den heruntergefallene Äste in einen Slalomparcours verwandelt haben. Um möglichst keine anderen Bäume in Mitleidenschaft zu ziehen, wird mit Bedacht gearbeitet: Nur, wenn es nötig ist, kommt die Motorsäge zum Einsatz. Wenn möglich, wird der schräg hängende Baum mit einem Drahtseil und dem Schlepper aus dem Wald gezogen. Übrig bleiben dann maximal ein paar Spuren im Boden.

„Das sieht dann im Frühjahr für Besucher manchmal schlimm aus“, erklärt Tim Tschöpe. „Das sind aber nicht nur unsere Spuren, sondern vor allem auch die des Winters. Davon muss sich die Natur erholen – wenn in wenigen Wochen die Vegetation drüber gewachsen ist, sieht das niemand mehr.“

Die Arbeiten der Gefahrenbeseitigung haben mancherorts auch noch einen Nebeneffekt: „Dadurch, dass dann an einigen Stellen durch diese notwendigen Sicherungsmaßnahmen wieder mehr Licht auf den Boden kommt, profitieren auch die Insekten – die wiederum sind die Nahrungsgrundlage für den Nachwuchs des Auerhuhns.“

Aus einer Teerwüste wird ein Wanderweg

Nachdem der Wanderweg von Gefahren beseitigt wurde, begleite ich Tim Tschöpe zur nächsten Maßnahme. In Schrittgeschwindigkeit tuckern wir einer Planierraupe hinterher, die sich gerade den Berg nach oben quält. Da bleibt Zeit für Persönliches: Von der schwäbischen Alb habe es ihn direkt nach dem Studium in den Schwarzwald verschlagen. „Bereut habe ich es noch nicht“, so Tschöpe. „Aber ich wohne auf der schwäbischen Seite des Nationalparks, das war mir wichtig“, sagt er lachend. Als wir endlich eine kleine Ausbuchtung zum Überholen nutzen können, sehe ich auch, wieso sich die kleine Planierraupe auf fast 700 Höhenmetern nach oben müht: Es sind die letzten Überreste einer alten, asphaltierten Straße zu erkennen, die gerade in einen Schotterweg verwandelt werden. „Das sind die Überbleibsel der wirtschaftlichen Nutzung des Waldes. Hier waren überall Schlaglöcher. Da mussten wir die Entscheidung fällen: Was passiert mit diesem Weg – erneut asphaltieren oder in einen Kiesweg verwandeln? Letztendlich haben wir uns für die natürlichere Lösung entschieden“, erläutert Tim Tschöpe.

In wenigen Wochen sollen hier die ersten Radfahrer und Wanderer auf dem neuen Schotterweg unterwegs sein. Bis dahin müssen Tim Tschöpe und sein Team noch ein Stück Arbeit leisten, noch fehlt nämlich der Schotter. Anschließend kümmert sich die Vegetation um den Rest – dann kehrt auch das Team der Wegesicherung wieder in die Rolle des Beobachters zurück.

Du willst wissen, wie sich das Team der Wegesicherung im Winter um die Loipen kümmert? Dann klick’ dich hier durch unseren Blogbeitrag Loipenfahrer: Der Wald, mein Pistenbully und ich.

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Zum Autor

Oliver Gewald

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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