Loipenfahrer: der Wald, mein Pistenbully und ich

04.02.2021 von Oliver Gewald in Kategorie: Blog

Während der Rest der Welt schläft, ist Sven Gaiser alleine im Wald unterwegs. Mit seinem riesigen Pistenbully sorgt er in der Stille der Nacht für perfekte Loipen im Nationalpark. Wie er den Weg durch den Wald findet und wieso Heavy Metal dabei nicht fehlen darf, hat er unserem Nationalparkblogger Oliver verraten.

Normalerweise hätte ich Sven Gaiser nachts getroffen. Fast wäre es auch so weit gekommen – wir hatten uns in einer winterlichen Nacht um 23:00 Uhr am Seibeseckle verabredet. Doch ein spontaner Schneesturm machte unser Treffen zunichte. Je länger ich auf Sven Gaiser wartete, desto schlechter wurden sowohl die Sicht als auch die Straßenverhältnisse. Während ich mich also in Schrittgeschwindigkeit wieder den Berg hinunter bewegte, stellte ich mir nur eine Frage: Wer macht sowas eigentlich freiwillig?
Nun ja, Sven Gaiser ist wohl einer dieser Menschen. „Ich find’ das geil“, sagt er, als wir uns in der kommenden Woche wieder treffen – tagsüber, ohne Schneesturm und mit guter Sicht.

Als ich auf die Maschinenhalle zulaufe, fegt Sven gerade Wasser nach draußen – so viel, dass ich frage, ob es reingeregnet hat. „Alles Schmelzwasser“, sagt er. Mir wird bewusst, durch welche Schneemassen sich der 42-Jährige vor wenigen Stunden noch gekämpft haben muss. Ob er ausgeschlafen sei, möchte ich wissen. „Sowas wie einen Schlafrhythmus gibt es im Winter nicht“, antwortet Sven. Ich werte das mal als ein Nein. Logisch, schließlich macht er seit Wochen die Nacht zum Tag. Seine Route führt ihn zuerst vom Ruhestein aus einen Abschnitt des Fernskiwanderwegs bis zum Zollstock entlang und über die kleine Zollstockrunde wieder zurück, und dann über den 1000-Meter-Weg entlang zum Seibelseckle, runter bis Hinterlangenbach, zur Darmstädter Hütte und wieder zurück zur Maschinenhalle gegenüber dem neuen Nationalparkzentrum. 90 Kilometer, fünf Mal die Woche, bei Wind und Wetter.

Den Schichtbeginn bestimmt das Wetter

Sven Gaiser ist Teil des Loipenteams, das im Nationalpark arbeitet. Dort ist er eigentlich als Forstwirt angestellt und im Sommer für die Holzernte zuständig – zumindest so lange, bis der erste Schnee fällt. Dann ändert sich nicht nur sein Berufsbild, sondern auch sein Tagesrhythmus. Je nach Wetterlage beginnt die Schicht abends oder sogar nachts. Das hängt davon ab, wieviel Schnee fällt. „Der Schnee braucht eine gewisse Zeit zum Aushärten. Wenn wir nachts spuren, ist die Loipe am nächsten Tag schön befahrbar.“

Wenn es nun jedoch in einer Nacht besonders viel schneit, wird es knifflig. Dann muss Sven seine Runde gut timen. „Je später ich losfahre, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Loipe wieder zugeschneit ist, wenn die ersten Besucher kommen.“ Einen festen Schichtplan zu machen, ist damit schlichtweg unmöglich.

Mit modernster Technik zur perfekten Loipe

Sven läuft um den gigantischen Pistenbully herum, der stolze 130.000 Euro gekostet hat. Vorne thront das Schild, das in der Breite über drei Meter misst. Mit einem Joystick in der Kabine kann er das nach Belieben einstellen – und dafür braucht es ganz schön viel Gefühl im Handgelenk: „Mit einer ganz kleinen Bewegung kann ich die Neigung einstellen, ich kann es kippen und lenken“, erklärt Sven. Damit wird der Schnee gleichmäßig auf der Loipe verteilt. Das Spuren selbst übernimmt der hintere Teil der Maschine. Hier sitzt die Fräse, die den Schnee nochmal kurz auflockert und die Luft entweichen lässt. Mit dem sogenannten Finisher wird alles erneut geplättet – dabei entstehen übrigens auch die typischen Rillen in den Loipen. „Das, was so cool aussieht“, wirft Sven ein. Den Abschluss bilden die Spurplatten. Fertig ist die Loipe!

Hört sich doch ganz einfach an, oder? Ein Blick in die Fahrerkabine macht diesen Eindruck ganz schnell wieder zunichte. Mit stoischer Ruhe zeigt mir Sven alle Steuerelemente. Eine Art Tastatur hier, ein Joystick da und einfach überall Knöpfe! Irgendwo bei 30 höre ich auf zu zählen. Wie behält er da den Überblick? „Learning by doing“, sagt er trocken. Stattdessen macht er mich noch auf die vier beheizbaren Scheiben, den mitschwingenden Sitz samt Sitzheizung (eine Sonderanfertigung) und auf das Radio aufmerksam. Das sei ihm als „Heavy Metal Freak“ besonders wichtig.

Schneeverwehungen, so hoch wie das Fahrzeug

Ein Navigationsgerät sucht man im Pistenbully vergebens. Logisch, wo keine Straße ist, kann auch Google Maps nicht wirklich helfen. Wie schafft es Sven dann überhaupt, sich in der Dunkelheit nicht zu verfahren? Früher, vor der Gründung des Nationalparks, gehörten große Teile seiner Route zu seinem Gebiet als Forstwirt. Das habe ihm sehr geholfen. Dennoch sei er zu Beginn die Strecke tagsüber mit dem PKW abgefahren, um nach Steinen und Abflüssen Ausschau zu halten und sich diese einzuprägen. Dort könne er schließlich mit dem Fahrzeug hängen bleiben und damit, im schlimmsten Fall, die Vorderachse zerstören.

„Als ich das erste Mal losgefahren bin, war ich unglaublich nervös“, gibt er zu. Er erzählt, wie schwer es sei, wenn das Wetter mal nicht mitspielt. Ich erinnere mich an unseren ersten Termin, der dem Schnee zum Opfer gefallen ist – und ich kann mir nur ungefähr vorstellen, wie ungleich viel schwerer es sein muss, bei diesen Bedingungen alleine im Wald unterwegs zu sein. „An solchen Tagen sind die Schneeverwehungen auch gerne mal so hoch wie mein Fahrzeug“, berichtet er. In Momenten wie diesen, bei Schneestürmen etwa, wenn die Sicht gegen Null geht, helfe nur noch eines: „Schild ausrichten, Joystick loslassen und hoffen, dass man gerade bleibt.“ Das Licht des Pistenbully sei zwar hervorragend, doch gegen wilde Schneestürme sind selbst diese Scheinwerfer machtlos. Zur Orientierung helfen ihm dann bunte Schilder am Weg. „Vorne siehst du ganz schwach die Markierung, nach hinten deine Loipe. Das sind deine einzigen Möglichkeiten, dich zurechtzufinden.“

„Der Nationalpark schenkt mir großes Vertrauen“

Seit sechs Jahren ist Sven Gaiser nun schon als Loipenfahrer unterwegs. Verfahren hat er sich dabei nur selten – „und wenn, dann nur ganz kurz“, sagt er lachend. Während andere im Schneesturm wohl Schweißausbrüche bekommen würden, fährt Sven Gaiser weiterhin ganz entspannt durch die Nacht. „Der Nationalpark schenkt mir damit großes Vertrauen.“ Denn eigentlich ist es tabu, nachts durch die Wälder zu streifen. Für den Pistenbully macht der Nationalpark eine Ausnahme, um die für die Nationalparkregion wichtigen Langlaufstrecken spuren zu können. Da der Pistenbully durch seine Fahrgeräusche und seine geordneten Routen für Wildtiere berechenbar bleibt, ist die Störung für den Nationalpark vertretbar. Sven Gaiser: „Für mich ist es ein Privileg, und ich genieße das total.“ Während ich froh bin, dass ich nicht in einer dunklen, verschneiten Nacht in den Nationalpark fahren muss, wird sich Sven wieder voller Vorfreude in die Schneeverwehungen schmeißen – egal, wie hoch sie sein mögen. Vielleicht sollte ich es beim nächsten Mal auch einfach mit Heavy Metal probieren.

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Zum Autor

Oliver Gewald

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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