Eldorado für seltene Pilze im Nationalpark

21.12.2021 von Pressestelle in Kategorie: Nachrichten

Mehrjähriges Citizen Science Projekt ermittelte 723 Pilzarten im Gebiet Wilder See/ Ergebnisse jetzt auch als Forschungsband veröffentlicht

Citizen Science heißt übersetzt etwa: Bürgerinnen- und Bürger-Forschung. Mit Citizen-Science-Projekten werden Interessierte angesprochen, die ihre Begeisterung für ihr Hobby in den Dienst des wissenschaftlichen Datensammelns stellen. So wie die Pilzkundigen, die mehrere Jahre lang das ehemalige Bannwaldgebiet Wilder See im Nationalpark Schwarzwald ganz genau unter die Lupe nahmen. Mit großem Erfolg: Unter der Leitung des Naturkundemuseums Karlsruhe und des Nationalparks Schwarzwald entdeckten sie insgesamt 723 Pilzarten. Darunter sind auch Pilzarten, die deutschlandweit bislang nur aus diesem Gebiet bekannt sind. Aus dem Projekt entstand nun der erste Forschungsband des Nationalparks Schwarzwald.  

„Wir freuen uns sehr über das umfangreiche Ergebnis des Projekts“, sagt Flavius Popa, der als Mykologe im Nationalpark Schwarzwald arbeitet und das Projekt gemeinsam mit Markus Scholler vom Naturkundemusem Karlsruhe leitete. „Unglaublich, wie viel akribische Arbeit die vielen Helferinnen und Helfer geleistet haben, um zu ermitteln, wie viel Pilzleben in diesem, an natürlichen Strukturen reichen Waldgebiet steckt!“ An dem Citizen-Science-Projekt beteiligten sich zahlreiche professionelle und nicht-professionelle Mykologen aus mehreren Bundesländern und Frankreich. Die Vielzahl von Spezialistinnen und Spezialisten ermöglichte die Erforschung von wenig bekannten Pilzgruppen wie den Schleimpilzen, aquatischen Pilzen, Rostpilzen oder den flechtenbewohnenden Pilzen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Die auf dem knapp 149 Hektar großen Waldareal nachgewiesenen 723 Pilzarten entsprechen ungefähr der zehnfachen Zahl der im Gebiet vorkommenden Pflanzenarten.

 „Besonders erwähnenswert ist auch, dass im Gebiet eine Vielzahl von Arten gefunden wurde, die aus Deutschland oder Baden-Württemberg noch nicht bekannt waren; sogar zwei für die Wissenschaft neue Risspilze konnten beschrieben werden“, erzählt Mykologe Markus Scholler. Über das Pilzarten-Projekt konnten Interessierte sich bereits in einer Ausstellung 2019 im Regierungspräsidium Karlsruhe informieren. Nun veröffentlichen Scholler und Popa ihre Forschungsergebnisse auch in einem fast 500 Seiten fassenden, illustrierten ersten Band der neuen Schriftenreihe 'Forschung im Nationalpark Schwarzwald' - in einer auch für Laien verständlichen Sprache. „Wichtig war uns neben der Kartierung des Gebietes die Konservierung aller Funde im Herbarium des Naturkundemuseums für die weitere wissenschaftliche Arbeit“, sagt Scholler. Diese stehen so der wissenschaftlichen Öffentlichkeit für weitere Untersuchungen zur Verfügung.

Neben der Erfassung der Arten konnte das Forschungsteam auch die enorme Bedeutung der Weißtanne als Symbiosepartner und als Substrat für seltene Pilzarten nachweisen. Der Schwarzwald besitzt das größte Weißtannenareal in Deutschland und dennoch ist der Baum im Schwarzwald, so auch am Wilden See, durch die Forstwirtschaft der letzten 200 Jahre von der Fichte stark zurückgedrängt worden. Bleibe zu hoffen, dass man der Tanne wieder eine Chance gebe, so Popa. Nicht nur aus mykologischer Sicht.

Untersuchungen speziell in Schutzgebieten könnten durchaus auch von praktischem und ökonomischem Nutzen sein, ergänzt Flavius Popa. „Kolleginnen und Kollegen der Universität Gießen ist es gelungen, aus einer Reinkultur des sehr seltenen Duftenden Schichtpilzes den Stoff zu isolieren und chemisch zu charakterisieren, der den Wohlgeruch bewirkt.“ Der vielleicht bekannteste und bereits mehrmals in der Presse erwähnte Pilz vom Wilden See, die seltene Zitronengelbe Tramete, wird mittlerweile von mehreren Forschungseinrichtungen in Deutschland und Österreich untersucht.


Hintergrund:
Das Naturkundemuseum Karlsruhe ist schon lange ein starker Partner in der Erforschung der biologischen Vielfalt des 2014 gegründeten Nationalparks: Seit 2013 kooperieren Fachleute für Pilze, Pflanzen und Spinnen des Naturkundemuseums mit den Forscherinnen und Forschern des Nationalparks. Die Kooperation ergab sich aus der Patenschaft der Stadt Karlsruhe mit dem nun schon fast acht Jahre alten Schutzgebiet – seither erfüllt insbesondere das Naturkundemuseum diese Patenschaft mit Leben. Das Pilzprojekt wurde finanziell unterstützt von der Nationalparkverwaltung, dem Naturkundemuseum Karlsruhe, dem Regierungspräsidium Karlsruhe und der Landesbank Baden-Württemberg. Der neu erschienene Forschungsband mit dem Titel „Die Pilze des ehemaligen Bannwalds Wilder See im Nationalpark Schwarzwald unter besonderer Berücksichtigung der mit Abies alba (Weißtanne) vergesellschafteten Arten“ ist käuflich in Buchform erhältlich – bestellbar direkt bei Flavius Popa (flavius.popa@nlp.bwl.de). Eine kostenfreies Ansichts-PDF des Fachbandes zum Lesen oder Herunterladen finden Sie hier:

 

zum Forschungsband

 


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