Schnee im Nationalpark: Verschwindet der Winter?

01.04.2021 von Oliver Gewald in Kategorie: Blog

Früher gab es im Schwarzwald noch richtige Winter, heißt es. Inzwischen folgt ein Temperaturrekord dem anderen – womit auch ein verschneiter Nationalpark immer seltener wird. Müssen wir uns also bald an einen Schwarzwald ohne Schnee gewöhnen? Unser Blogger Oliver Gewald hat nachgefragt.

 

Schneeballschlachten, Spaziergänge im Schnee und Schlittenfahren – denke ich an die Winter meiner Kindheit zurück, waren diese vor allem eines: weiß. Und wie! Im idyllischen Wolftal, in dem ich unweit des Nationalparks aufgewachsen bin, gab es eigentlich keinen Winter ohne Schnee. Und wir reden hier nicht über drei bis vier winzige Zentimeter Puderzucker, sondern über so viel Schnee, dass ich zumindest mit meinem Lenkschlitten den Berg runtersausen konnte. Hach, schön war’s.

 

Das menschliche Gedächtnis neigt dazu, die Vergangenheit besser darzustellen, als sie tatsächlich war. Nicht umsonst sagt der Volksmund: „Früher war alles besser.“ Doch auch der irrt mal – und das Gedächtnis sowieso. Gab es früher also wirklich mehr Schnee und damit auch die schöneren Winter?

 

Wichtig: Der Unterschied zwischen Wetter und Klima

 

Einer, der diese Frage beantworten kann, ist Christoph Dreiser. Ihn kennen wir unter anderem schon aus einem der älteren Blogbeiträge zum Wettermessnetz. Als Geograph ist er im Nationalpark dafür zuständig, das Wetter zu beobachten und zu dokumentieren: „Wir haben an zehn unserer 20 Wettermessstationen Wildtierkameras installiert, die auf einen Messstab gerichtet sind“, erklärt Dreiser. Einmal am Tag fotografieren diese Kameras die Schneehöhe.

Bildfolge der Schneehöhenkamera der Messstation Schliffkopf in der Saison 2018-2019 (das Datum wird am unteren Bildrand im Format Monat/Tag/Jahr angezeigt)

„Darüber hinaus messen wir an drei Orten täglich manuell das Wasseräquivalent – also die im Schnee gespeicherte Menge an Wasser -, indem wir eine Art Schneezylinder ausstechen. Diese Daten erhält dann unter anderem der Deutsche Wetterdienst, um die Hochwassergefahr zu bestimmen.“ Schließlich sei Schnee nichts anderes als ein Puffer für Niederschlag. Wenn dieser schlagartig schmilzt, kann das im Tal zu Überschwemmungen führen. Klingt logisch.

 

Seit Dezember 2017 wird so die Schneehöhe im Nationalpark erfasst. Das Problem dabei: „Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen Wetter und Klima – und von Klimaforschung spricht man erst nach dreißig Jahren Beobachtung“, erklärt Christoph Dreiser. Ein Blick auf die Zahlen ist also ganz nett, eine aussagekräftige Messreihe lässt sich damit jedoch noch nicht erstellen. Die Statistiken zeigen bislang lediglich, dass es extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Wintersaisons gibt.

Alarmierende Zahlen – nicht nur bei der Schneehöhe

 

Etwas aussagekräftiger wird es, wenn die Daten einer Wetterstation herangezogen werden, die seit mehr als 50 Jahren in der Nähe des Nationalparks die Schneemenge misst. In Freudenstadt werden seit 1949 die Tage erfasst, an denen es eine geschlossene Schneedecke gibt. „Wenn man dort einen linearen Trend einzeichnet, sieht man eine deutliche Entwicklung nach unten“, so Christoph Dreiser. Zwar könne man auch erkennen, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Saisons schon immer groß gewesen seien, aber: „Es fällt auf, dass die letzten Jahre überwiegend im unteren Bereich zu verorten sind.“ Der Hauptgrund dafür ist schnell gefunden – der Klimawandel. „Von 1881 bis 2018 wurde es in Baden-Württemberg rund 1,3 Grad Celsius wärmer“, führt der Geograph an. Allerdings habe die Erwärmung zwischen 1881 und 1980 gerade einmal 0,3 Grad Celsius betragen – während es seit 40 Jahren fast genau ein Grad wärmer wurde. „Und das ist schon signifikant.“

Schnee im Nationalpark? „Seltener, aber extremer“

 

Werden wir also vielleicht die letzte Generation sein, die den Schwarzwald noch in seiner winterlichen Pracht erleben darf? Christoph Dreiser: „Zwar wird die mittlere Temperatur auf Dauer ansteigen, womit auch die extrem kalten Tage seltener werden. Gleichzeitig beobachten wir, dass Wetterlagen immer stärker stagnieren, damit aber auch extremer werden, weil sie ihren Typus voll ausleben können.“ Für das Wetter im Nationalpark bedeutet das: „Wir haben längere Trockenperioden, mehr Starkregen, mehr Dauerniederschläge – und wenn wir Schnee haben, dann auch mal etwas mehr davon.“ Der letzte Winter sei ein Paradebeispiel dafür gewesen, mit überdurchschnittlichen Schneehöhen von 115 Zentietern.

 

„Es lässt sich also nicht plakativ sagen, dass wir in 50 Jahren im Nationalpark keinen Schnee mehr haben werden“, fasst Christoph Dreiser zusammen. Doch meine Erinnerung hat mich nicht getäuscht – und auch der Volksmund hatte recht: Früher gab es wirklich mehr Schnee (…und auf das Klima bezogen war früher tatsächlich auch alles besser). Ganz auf Schneeballschlachten, Schlittenfahren und Spaziergänge durch verschneite Wälder müssen wir wohl also auch in Zukunft nicht verzichten.

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Zum Autor

Oliver Gewald

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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