Überlebenskampf im Winter

28.01.2021 von Sandy Schoch in Kategorie: Blog

Unberührte Schneedecken, friedliche Stille – die Natur scheint wie in Watte gepackt. Doch während der Nationalpark Schwarzwald im Winter seine ganze Schönheit offenbart, haben dessen tierische Bewohner andere Probleme: Sie suchen Nahrung, Schutz und kämpfen jeden Tag aufs Neue ums Überleben. Dafür haben einige Wildtiere pfiffige Strategien entwickelt …

Kälteperioden von bis zu -20 Grad hat Charly Ebel in seiner Zeit im Nationalpark Schwarzwald schon erlebt. Im Gespräch erzählt mir der heutige Fachbereichsleiter der Besucherinformation, dass er bereits bei der Gründung des Parks mitwirkte. Also genau der richtige Ansprechpartner, wenn ich mehr über die vergangenen Winter im Schwarzwald und deren Auswirkungen auf die Tierwelt erfahren möchte. Denn bei solch niedrigen Temperaturen müssen sich dessen tierische Bewohner einiges einfallen lassen, um den nächsten Frühling zu erleben. Doch die Natur hat so manches biologisches Wunder kreiert. „Jede Überlebensstrategie ist auf ihre Art faszinierend – man kann das ein bisschen mit uns Menschen vergleichen“, erzählt Charly Ebel. „Da hat auch jeder seine Art, den Winter zu überstehen: Die einen flüchten in warme Regionen, die anderen mummeln sich lieber auf dem Sofa ein, bis alles vorbei ist.“ Wie genau die Wildtiere diese Strategien in der freien Natur umsetzen, möchte ich dann aber genauer wissen …

Strategie 1: Die ungemütliche Zeit verschlafen  

Wer sich noch an den Blogbeitrag vom süßen Gartenschläfer erinnert, weiß, dass auch er einen Masterplan für den Winter parat hat. Denn wie der Name schon andeutet, wird der kleine Verwandte des Siebenschläfers erst wieder aktiv, wenn der Frühling beginnt. Laut Ebel können Tiere, die einen Winterschlaf halten, ihren Stoffwechsel und ihre Kerntemperatur so weit herunterfahren, dass der Körper extrem auskühlt, aber nie unter null Grad fällt: „Das heißt, dass der Gartenschläfer, dessen Körpertemperatur normalerweise bei 35 bis 37 Grad liegt, diese auf 1 bis 9 Grad herunterfahren kann. Der Herzschlag verlangsamt sich dabei auf ein Zehntel der normalen Geschwindigkeit. Und auch die Atmung wird stark reduziert. Teilweise erfolgen nur zwei Atemzüge pro Stunde!“ In diesem „Dornröschen-Zustand“ verweilen die Tiere bis zu sieben Monate in ihren Verstecken, ehe die Natur sie wieder erwachen lässt.

Strategie 2: In der Ruhe liegt die Kraft

Tiere, die in den Zustand der Winterruhe fallen, schlafen auch viel – aber nicht nur. Der große Unterschied zum Winterschlaf liegt darin, dass bei dieser Strategie die Körpertemperatur der Tiere fast konstant bleibt. Durch längere Ruhephasen, in denen sie sich möglichst wenig bewegen, wird Energie gespart. Das Auerhuhn lässt sich zum Beispiel unter Bergkiefern einschneien, um der Kälte und dem Wind nicht so ausgesetzt zu sein. Eichhörnchen verschlafen nasse und wüste Tage in ihren Kobeln. Bei angenehmerem Wetter verlassen sie das Nest, um sich die Bäuche vollzuschlagen.

Bei eisigen Temperaturen und dichten Schneedecken wird die Nahrungssuche jedoch zur Herausforderung. Deshalb legen sich viele Tiere bereits im Sommer und Herbst ein umfangreiches Vorratsangebot an. Der Tannenhäher, zum Beispiel, bunkert seine Nahrung in mehreren Tausend Verstecken. Das bedarf einiges an Orientierungssinn! Wiederfinden kann er diese auch im tiefen Schnee, vermutlich in dem er sich die Baumabstände zu den Vorratskammern ins Gedächtnis ruft – wirklich beeindruckend.

Strategie 3: Starr vor Kälte – kurios, aber wirksam

Um den Winter zu überstehen, fallen wechselwarme Tiere, wie Kröten und Salamander, die zur Klasse der Amphibien gehören, in eine sogenannte Winterstarre. Dabei passen sie ihre Körpertemperatur entsprechend der Außentemperatur an – und das fast bis zum Gefrierpunkt. Reglos verweilen sie dann in ihren Verstecken, die sich oft tief unter der Erde befinden. Fische verbringen diese Zeit zum Beispiel am Grund ihrer Gewässer. Entscheidend ist, dass die Kerntemperatur der Tiere niemals unter null Grad sinkt. „Das Gefrieren von Wasser führt zu einer Sprengung der Zellen, was tödliche Folgen hätte“, so Ebel. Dagegen haben manche Tiere aber noch ein Ass im Ärmel. So verfügen einige Insektenarten über ein eigenes Frostschutzmittel. Der Experte erklärt: „Durch einen erhöhten Glukosegehalt, also mehr Zucker in den Zellen, können die starren Tiere den Gefrierpunkt des Zellwassers verringern. Damit überstehen sie auch frostigere Tage.“

 

Strategie 4: Ab in den Süden!

Bei kaltem Schneematsch, nassen Socken und nebelgrauen Tagen träumen auch wir häufig von Urlaub in warmen Regionen. Die Zugvögel, die keine Corona-bedingten Reisebeschränkungen akzeptieren müssen, kehren dem Nationalpark im Winter den Rücken und ziehen Jahr für Jahr gen Süden. Je nach Vogelart haben sie die unterschiedlichsten Reiseziele – eine Vorstellung zum neidisch werden. Doch entspannend ist diese Reise sicher nicht. Schließlich legt der Wendehals, der zur Familie der Spechte gehört, schlappe 4.000 Kilometer Luftlinie zurück, bis er sein Domizil südlich der Sahara erreicht hat. Da gehört schon etwas mehr dazu, als in Frankfurt oder Basel in den Flieger zu steigen.

Auch andere Vogelarten fliehen vor den Minustemperaturen im Schwarzwald, legen jedoch kürzere Strecken zurück. Der Wanderfalke zum Beispiel verbringt den Winter im Mittelmeerraum – auch schön. Finkenarten, wie der Buchfink, vermeiden weite Strecken. Sie weichen dem Schnee auf kürzestem Wege aus und fliegen von höheren Lagen Richtung Täler. Ganz nach dem Motto: Hauptsache kein Schnee!

 

Bitte nicht stören!

Beim Gedanken an Schneeschuhlaufen und Skisport geht so manchem Winterfreund das Herz auf. Doch so sehr die verschneiten Baumwipfel im Nationalpark auch einladen, gilt es besonders im Winter Rücksicht auf dessen Bewohner zu nehmen. Vor allem warmblütige Tiere, die ihre Körpertemperatur während der Winterruhe konstant hoch halten müssen, benötigen dafür viel Energie.

Werden sie durch das plötzliche Auftauchen von Menschen gestört, setzt ihr Fluchtinstinkt ein. Besonders gefährlich wird das für Auerhühner und Hirsche. Denn wenn Gefahr droht, springen oder fliegen diese davon – ein enormer Kraftaufwand, der viel Energie verbraucht. Häufen sich diese Störungen, können sie einen negativen Einfluss auf den Gesundheitszustand der Tiere haben. Und im schlimmsten Fall bis zum Tod führen.

Daher ist es wichtig, gerade in den Wintermonaten einige Regeln zu befolgen. Ebel appelliert: „Die Besucher sollten immer auf den Wegen bleiben und Sperrungen, die wir saisonal setzen müssen, akzeptieren. Es gibt immer einen triftigen Grund hinter einer solchen Sperrung – Wildtiere benötigen unbedingt bestimmte Ruhebereiche.“

Das sollten wir respektieren, wenn wir das nächste Mal einen Ausflug in die Winter-Wunderwelt des Nationalparks planen. Denn wie der kleine Gartenschläfer wären wir sicher auch nicht begeistert, unsanft aus einem sieben Monate dauernden Dornröschenschlaf gerissen zu werden.

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Zum Autor

Sandy Schoch

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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