Mit Künstlicher Intelligenz unterwegs zum Melkereikopf
Freunde und Bekannte erzählen mir immer wieder, dass sie mit KI-Vorschlägen gewandert sind. Ob die Künstliche Intelligenz das tatsächlich kann? Ich bin skeptisch, will es aber bei einer kurzen Wanderung im Nationalpark austesten. Am Ruhestein, dort, wo ich mich auskenne.
„Ruhestein, zwei Stunden, schmale Pfade, Schatten“, gebe ich ein. KI fragt mich, ob ich eine Einkehrmöglichkeit möchte. Nein. Das Ergebnis lautet: Vom Ruhestein zum Melkereikopf (gelbe Raute), auf der Grindenebene, dann den Tausendmeter-Weg entlang Richtung Schliffkopf, zurück zum Ruhestein. Klingt ganz gut. Zur Sicherheit haben Fotograf Frank und ich trotzdem eine Wanderkarte dabei.
Am Ruhestein geht’s los
Am Parkplatz Ruhestein finden wir die gelbe Raute und auch den Wegweiser zum Melkereikopf. Wir wandern auf einem gekiesten Fahrweg bergauf. Ein schmaler Pfad ist das nicht. Anfangs hören wir den Verkehr der Schwarzwaldhochstraße, die es auch zu queren gilt. Der Lärm lässt nach, der Weg bleibt breit.
Was ist eine Kernzone?
„Kernzone“ steht auf einem Holzschild. Die Kernzone ist der am strengsten geschützte Teil des Nationalparks, in dem sich die Natur möglichst ohne menschliche Eingriffe selbst überlassen bleibt. Ohne Forst- und Landwirtschaft. Hier gilt der Leitspruch: „Natur Natur sein lassen“. Besucher dürfen sich nur auf den Wegen bewegen und dürfen nichts im Park lassen oder aus dem Park mitnehmen. Auch keine leckeren Heidelbeeren. Die sind für Auerhuhn und Co. bestimmt.
Daran halten sich nicht alle. Wir sehen ein Paar, das bei den Heidelbeeren nicht widerstehen kann. Sollen wir was zu den Heidelbeer-Halunken sagen? Wir lassen es, sind wir doch weder Ranger noch sonst eine Nationalpark-Instanz.
Den Weg teilen wir uns nun mit Radfahrern. Platz gibt’s genügend. Und es gibt immer wieder schöne Ausblicke in die Rheinebene, bis zu den Vogesen.
Doch den gewünschten Schatten erfüllt der von der KI ausgesuchte Weg nicht, dafür ist er zu breit, dafür aber barrierearm. Besonders sonnig ist es auf dem Eintausendmeter-Weg. Der heißt übrigens so, weil er auf der 1000-Meter-Höhenlinie verläuft.
Aus Altem entsteht Neues
Wir genießen die Natur, die Stille. Die Stämme der vom Borkenkäfer befallenen Fichten glänzen silbern in der Sonne. Das Totholz bietet Lebensraum für Pilze, Asseln, Käfer und Ameisen. Um die toten Stämme herum wachsen bereits junge Buchen, Ebereschen und auch Tannen. Der Wald verjüngt sich, aus Altem entsteht Neues - und mehr Vielfalt. So nähert sich der Wald dem Schwarzwald wie er früher aussah. Bevor viel gerodet wurde, um mehr Weidefläche zu bekommen und um die Bäume zu verkaufen. Um rasch wieder den Rohstoff Holz zu haben, wurde damals mit schnell wachsenden Fichten aufgeforstet. Aber eben fast ausschließlich mit Fichten, die anfällig für den Borkenkäfer sind.
Nach einer guten Stunde Marsch entdecken wir einen Wegweiser, auf dem „Ruhestein“ steht. Endlich kommen wir weg vom Fahrweg. Endlich ein steiniger, schmaler Weg, dazu noch im Schatten. Herrlich. Wir wandern am Rand der Grinden entlang.
Die Grinden sind waldfreie Bergheiden mit Preiselbeeren, Heidelbeeren, mit Heidekraut und Latschenkiefern. Herbe Schönheiten und Lebensraum für Kreuzottern, den seltenen Wiesenpieper, die alpine Gebirgsschrecke und für viele Schmetterlinge. Um die Grinden zu erhalten, muss geschuftet werden. Denn wo es Grinden gibt, wäre eigentlich dichter Wald. Wenn man nichts macht, verliert man die Grinden.
„Nichts machen“ und Natur Natur sein lassen, ist doch genau das Ziel des Nationalparks. Doch die Grinden gelten als „naturschutzfachlich bedeutsame Flächen“ und diese werden dauerhaft geschützt und gepflegt. So steht es im Nationalpark-Gesetz.
Jahrhundertealte Kulturlandschaft
Die Grinden zwischen Alexanderschanze und Ruhestein gibt’s schon seit dem 14. Jahrhundert, manche Quellen sagen seit dem 15. Jahrhundert. Jedenfalls wuchs damals die Bevölkerung rasant. Die Wohnhäuser waren aus Holz, nur Kirchen oder Burgen waren aus Stein. Der Bedarf an Holz war also gewaltig. Außerdem brauchte man Äcker und neue Weideflächen, um die Menschen satt zu kriegen. Die Weiden in den Tallagen reichten dafür nicht mehr aus. Deshalb wurden die Schwarzwald-Höhen gerodet, sozusagen die Köpfe der Berge. „Grind“ ist in Süddeutschland die herzhaft derbe Bezeichnung für „Kopf“, deshalb die Grinden. Auf den Grinden des Melkereikopfes wurde Weidewirtschaft fürs Kloster Allerheiligen betrieben. Das Vieh blieb den Sommer hier, wurde auch auf dem Melkereikopf gemolken.
Die Strecke ist jetzt ein wunderbares Naturerlebnis - bis wir wieder zur Straße kommen. Schnell queren, die Skisprungschanze streifen und dann zum Parkplatz Ruhestein absteigen. Leider wieder auf einem breiteren Weg.
Fazit: Wir sind knapp acht Kilometer gewandert. Ein Drittel der Strecke hat komplett unseren Vorgaben entsprochen. Zwei Drittel nur teilweise. Als Ideengeber sind die KI-Vorschläge durchaus brauchbar, aber man sollte sich nicht komplett darauf verlassen, sondern sich noch anderweitig informieren.
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Zur Person
Iris Lemanczyk
Bloggt im Auftrag der Nationalparkverwaltung aus dem Nationalpark Schwarzwald.
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Frank Hamerla
Arbeitet mit Bloggerin Iris im Team und macht Bilder für ihre Blogbeiträge.
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