Den Geheimnissen der Rothirsche auf der Spur

Welches Sensatiönchen in Hirschlosung steckte

09.05.2025 von Iris Lemanczyk, Ulrike Klumpp in Kategorie : Blog
  • Ich dachte immer, bei unserer heimischen Flora und Fauna sei längst alles erforscht. Das ändert sich, als ich mit Thorsten Schaupp und seinem Hund Saga unterwegs bin. Er nennt das, was er und seine Kollegen aus Wildtiermanagement und Forschung herausgefunden haben ein „Sensatiönchen“. Mehr nicht. Das ist bescheiden.

     

    Das „Sensatiönchen“ beinhaltet zwei neue Forschungsergebnisse: Die Rothirsche im Nationalpark bewegen sich in viel kleinerem Raum als bisher angenommen, es gibt keine Wanderbewegungen.

     

    Zwei „Sensatiönchen“

    „Sensatiönchen“ Nummer zwei: Die Rothirsche im Nationalpark ernähren sich überwiegend von Heidelbeersträuchern. Ich hätte gedacht, dass der Rothirsch verschiedene Gräser frisst, sowie Bäume, Sträucher und die Rinde von Fichten. Davon ernährt es sich auch, aber hauptsächlich eben von Heidelbeersträuchern. Wenn sie Kälber habn, dann stehen bei den Hirschkühen auch Brennnesseln auf der Speisekarte. „Brennnesseln sind milchbildend“, sagt Thorsten.

    Besonders spannend finde ich, wie die Wissenschaftler zu den Erkenntnissen gekommen sind. Und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Das Zauberwort heißt Telemetrie. Das ist die automatisierte Messung und Übertragung von Daten aus der Entfernung. Sprich, die Tiere bekommen ein Halsband um, das Positionsdaten auf die Computer der Wildtiermanager sendet.

    Natürlich lässt sich ein Hirsch nicht einfach so ein Halsband überstreifen. „Wir locken den Rothirsch an. Wenn es bis auf zwanzig Meter in Reichweite ist, schießen wir einen Pfeil mit einem Narkosemittel. Sobald das Mittel wirkt, können wir das Halsband montieren. Die Akkuleistung beträgt drei bis vier Jahre, danach lässt sich das Halsband per Fernbedienung lösen“, erklärt Thorsten Schaupp.

     

    Emmas Revier

    Wer ein Tier mit einem Halsband bestückt, der darf ihm auch einen Namen geben. Etwa Liesel, Franz, Ela oder Emma. Emma lebt im Schönmünztal und ist in den drei Jahren, die sie das Halsband trug, die ganze Zeit dort geblieben. Emma und die anderen Hirschkühe bewegen sich auf einem Areal von 300 bis 1000 Hektar. Zum Vergleich: Ein Fußballfeld hat 0,71 Hektar. Emmas männliche Kollegen nutzen einen Raum von 500 bis 1300 Hektar. Alle leben sie auf bis zu 80 Prozent der gleichen Fläche wie im Vorjahr.

    Was diese Erkenntnis dem Nationalpark und den Rothirschen bringen? Weil es keine Wanderbewegungen gibt, hat nur die Hirsche, die im Grenzgebiet zu den benachbarten Wirtschaftswäldern leben, Einfluss auf den Wirtschaftswald. Dort schälen sie möglicherweise die Rinde der wirtschaftlich bedeutenden Fichten, sprich, sie ziehen die Rinde ab und fressen sie. Da dieser mögliche Einfluss deutlich kleinräumiger zu betrachten ist als bisher gedacht, können für die Rothirsche zusätzliche Ruhezonen innerhalb des Nationalparks geschaffen werden.

     

    Was frisst der Rothirsch?

    Wir sind jetzt auf der Suche nach Losung. Losung ist die Hinterlassenschaft oder einfach Köttel von Tieren. „Durch deren Analyse kann die Zusammensetzung der Nahrung festgestellt werden“, erklärt Thorsten. Dabei kam unter anderem das mit den Heidelbeersträuchern heraus.

    Die Flächen, auf denen Heidelbeersträucher wachsen, sind auch beim Auerhahn beliebt. Aber für ihn dürfen die Sträucher nicht zu hoch sein. Deshalb werden solche Areale im Nationalpark bisher aufwändig mit Mulcher, Freischneider und Motorsäge gepflegt. Da man die richtige Höhe kennt, die das Auerhuhn attraktiv findet, können die Heidelbeersträucher auf diese Höhe gestutzt werden. Im Idealfall übernehmen dann die Hirsche die weitere Pflege.

    So haben alle was davon: Die Auerhühner haben einen geeigneten Platz, die Hirsche Leckeres auf dem Speisezettel und der Nationalpark geringere Kosten für die sogenannte Habitatspflege. Und wir sind um zwei „Sensatiönchen“ reicher und können damit ein Stück die Natur, Natur sein lassen.

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    Iris Lemanczyk

    Iris Lemanczyk

    Bloggt im Auftrag der Nationalparkverwaltung aus dem Nationalpark Schwarzwald.

     

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    Ulrike Klumpp

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