„Ohne Natur verarmen Menschen seelisch“

10.12.2020 von Judith Wildt Bastos in Kategorie: Blog

Der Künstler Klaus Bernhard Mikiffer lebt und arbeitet in Herrenwies – einem Ortsteil der Gemeinde Forbach – im nördlichen Teil des Nationalparks Schwarzwald. Und das ist kein Zufall! Im Interview mit Nationalpark-Bloggerin Judith verrät der engagierte Zeichner und Gestalter, warum der Schwarzwald zu seiner Wahlheimat wurde, das Unscheinbare so wichtig ist und die Natur heilen kann.

Herr Mikiffer, Sie stammen ursprünglich aus Karlsruhe. Wieso hat es Sie als Erwachsenen ausgerechnet in den Schwarzwald gezogen?

Der Schwarzwald besitzt eine unvergleichliche Landschaft. Er hat etwas ganz Eigenes. Er ist geheimnisumwittert und traumhaft märchenhaft. Dunkle Ecken, kleine Bäche und lichtdurchflutete Wälder bilden ein einzigartiges Refugium. Ich halte den Nationalpark für extrem wichtig. Nur in dieser geschützten Natur kann der Mensch wieder zu sich finden. Dazu passt ein Schlüsselerlebnis, das ich in meiner Jugend hatte. Ich war damals in den Alpen wandern. Hoch oben auf einem Berg kam ich an einem Hüttchen vorbei. Rauch stieg aus dem Kamin, es roch nach Fichte und ein Mann saß vor der Hütte und schaute einfach über die Berge. Das war der totale Frieden. Das hat mich sehr beeindruckt und ich dachte: Das muss ich auch mal machen. So kam ich also in den Schwarzwald und lebe seit circa 15 Jahren hier. Ich liebe die Natur, denn sie heilt mich. Seit ich in Herrenwies wohne, geht’s mir super. Es ist ein wirklich magischer Ort!

Sie haben in Ihrem Leben schon die unterschiedlichsten Dinge gemacht: vom Feinmechaniker über das Kunststudium, archäologischen Zeichner bis hin zum selbstständigen Unternehmer mit einem Büro für Gestaltung (Museumsdesign, Messebau, Veranstaltungen). Wann haben Sie beschlossen, sich ausschließlich der Kunst zu widmen – und warum?

Es gab viele Zeiten in meinem Leben, da habe ich Tag und Nacht gearbeitet. Irgendwann jedoch gab es ein einschneidendes Erlebnis. Das hat mich schlagartig daran erinnert, dass ich nur ein Leben habe und das tun muss, was mein Herz mir sagt. Außerdem bekam ich vom vielen Arbeiten zunehmend Kreuzschmerzen und sogar einen Bandscheibenvorfall. An diesem Punkt ist die Entscheidung gefallen, mich fortan auf meine Kunst zu konzentrieren.

Wie ging’s dann weiter?

Ich habe ein Häusle im Schwarzwald gesucht. Durch viele Zufälle habe ich eines gefunden – witziger Weise genau an dem Ort, wo ich auch schon mit 18 hinwollte. Da bin ich jetzt. Die erste Zeit habe ich nur mit der Natur verbracht, habe gepflanzt, Bäche gegraben – das hat mich gerettet und geheilt. Dann habe ich mit meiner künstlerischen Arbeit angefangen und dachte, ich gebe mir ein paar Jahre Zeit und baue mir etwas auf. In dieser Phase sind viele Projekte entstanden. Unter anderem auch die Idee für die Wunderlandgeschichten und die Postkarten. Es hat mir eine riesige Freude gemacht, das Ganze zu zeichnen. Ich habe eineinhalb Jahre daran gearbeitet, und es hat sich immer mehr herauskristallisiert, welche große Bedeutung dahintersteckt.

Wovon handeln die Wunderlandgeschichten?

Die Geschichten sind zufällig entstanden. Ich saß mit meiner Freundin draußen im Garten und wir haben Glühwürmchen gesehen. Wir haben rumgesponnen. Ich sagte zu ihr „du bist das Glühwürmchen“ und sie erwiderte: „Dann bist du die Kellerassel“, weil ich ziemlich unordentlich bin. Das Kellerassel verliebt sich in das Glühwürmchen. Und so war die erste Geschichte geboren. Kurz darauf kamen viele weitere dazu –  von Frau Waschbär, dem Ameisenbär, Käferchen und alle möglichen Tiere. Die Intention dahinter, die kam erst während der Arbeit: Dieser Cartoon versteht sich konträr zu den meisten Mainstream-Zeichnungen. Diese sind oft sehr kritisch und mit einer negativen Energie behaftet. Ich will etwas machen, das positiv und heilsam ist. So ist es kein Zufall, dass dieses Buch von vielen Liebesgeschichten zwischen Tieren erzählt. Alles ist natürlich idealisiert. Ich mag es gerne herzerfrischend. Die Geschichten sollen dem Leser ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Außerdem will ich mit dem Buch zeigen, dass auch Tiere beseelt sind. Das Buch und die Karten sollen eine andere Sichtweise auf die Insekten zeigen. Meine Botschaft ist: Geht schonend mit unserer Natur um und macht nicht alles weg, was euch stört.

An wen richtet sich Ihre Kunst?

An Menschen mit Kinderseele. Diese Sorte Erwachsene finden meine Cartoons richtig klasse. Die Postkarten-Reihe, die sich aus dem Buch entwickelt hat, sind „Alles-wird-gut-Karten“. Man hängt sie sich an den Kühlschrank oder legt sie auf den Nachttisch. Man schaut drauf und bekommt ein Lächeln. Ich finde, in diesen turbulenten Zeiten braucht es das definitiv. Ich wollte etwas Warmes machen – was das Herz erreicht. Viele Menschen haben mir geschrieben, die Motive machen ihnen Freude und berühren ihr Herz.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihres künstlerischen Schaffens?

Gerne wähle ich ein Motiv, das auf den ersten Blick banal erscheint. Die Wirkung entfaltet es jedoch ¬– ähnlich wie ein guter Rotwein – erst nach einiger Zeit. So entdeckt man allmählich, dass da viel mehr dahintersteckt. Das Unscheinbare auf den ersten Blick ist ganz wichtig, weil es die Leute verpflichtet, sich mit dem Kunstwerk auseinanderzusetzen.

In vielen Ihrer Werke spielt Natur eine zentrale Rolle …

Ja, genau! Nehmen wir die Zeichnungen der Bäume: Bleistift, Papier, fertig! Das sind unscheinbare Zeichnungen. Ich wollte entgegen dem heutigen Mainstream einfach nur ganz realistisch zeichnen. 43 Zeichnungen sind es bis jetzt geworden. Auch hier gilt: Das Motiv entfaltet sich erst, wenn man sich damit beschäftigt. Es geht um verschiedene Ansichten von Ästen, die ein Geheimnis in sich bergen – wenn man näher hinschaut. Es gibt ein Zitat von Paul Klee: „Kunst macht sichtbar!“

Erzählen Sie doch mal – wie sind Sie bei den Bleistiftzeichnungen vorgegangen?

Ich gehe raus in den Wald und zeichne vor Ort. Ich brauche den Eindruck, die Luft, die Stille. Es ist wie eine Art Meditation. Das ganze Bild besteht aus einer Million Striche. Ich kann mich in der künstlerischen Arbeit richtig versinken. Wer weiß, vielleicht kann ich irgendwann Zeichenkurse im Nationalpark machen – zusammen mit einem Ranger. Das ist eine Idee, die ich im Kopf habe. Der Ranger erklärt dann die biologische Seite und ich zeige den Leuten, wie sie sich auf zeichnerischer Ebene mit der Natur auseinandersetzen können. Da erfährt man die Dinge anders. Es ist eben nicht mit dem Abzeichnen getan, sondern Kunst transzendiert immer Etwas. Will heißen: Hinter allen Dingen steckt was Größeres.

Was bedeutet Naturschutz für Sie?

Ich habe viele Jahre in der Stadt gewohnt und erlebt, dass Häuser, Straßen und Autos immer gleich aussehen. Wenn ich hier in Herrenwies aus dem Haus gehe, sehe ich zwar auch immer denselben Baum, aber er sieht jeden Tag anders aus. Das Licht, die Luft, der Baum – alles ist in Bewegung. Wie das Universum. Die Natur, die Kunst und die Spiritualität sind die einzigen Möglichkeiten, die Seele in Bewegung zu bringen, ins Tiefere zu kommen und lebendig zu sein. Deswegen ist Naturschutz so enorm wichtig. Menschen ohne Natur verarmen seelisch. Sie werden zu kalten Lebewesen. Naturschutz ist dringend erforderlich, weil es die einzige Möglichkeit ist, sich dem Wesentlichen beziehungsweise dem Urgrund des Lebens überhaupt zu nähern. Wir kommen aus der Natur. Wir sind Natur. Das Wort Umwelt ist eigentlich falsch. Es gibt keine Welt, die mich umgibt. Die Leute vergessen, dass sie ein Teil der Welt sind. Das können sie jedoch im Umgang mit der Natur erfahren. Dann erfahren sie ein Stück von sich selbst.

Noch eine kurze Frage zum Schluss: Woher kommen eigentlich die Inspirationen für Ihre neuen Kunstwerke?

Meistens entstehen die Ideen aus einem Naturerlebnis. Es kann sein, ich wache morgens mit einer neuen Idee auf. Das kommt von oben … irgendwie!

Mehr über den Künstler Klaus B. Mikiffer kann man auf dieser Webseite nachlesen.

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Zum Autor

Judith Wildt Bastos

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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