Wie kann Biodiversität im Wald geschützt werden?

10.10.2022 von Dr. Stefanie Gärtner in Kategorie: Nationalparkforschung

Welche Rolle spielt der Nationalpark Schwarzwald beim Schutz der biologischen Vielfalt (Biodiversität)? Diese Frage begegnet der Nationalparkverwaltung in der Diskussion um die Weiterentwicklung. Hier wird darüber nachgedacht, was man zum Schutz bedrohter Arten im Nationalpark tun kann. Stefanie Gärtner, zuständig für ökologisches Monitoring am Nationalpark Schwarzwald, erklärt:

Als großflächige Prozessschutzgebiete bieten Nationalparke landschaftsprägenden natürlichen Prozessen Raum. Beispielsweise der natürlichen Wiederbewaldung nach einem Sturmwurf. Oder der auf einen Sturmwurf folgenden verstärkten Populationsentwicklung von Insekten, die wiederum als Nahrung für größere Tiere dienen. Solche Prozesse möchte man in bewirtschafteten Forsten gewöhnlich vermeiden. Die Produktion von Holz steht in bewirtschafteten Wäldern im Vordergrund. Hier versucht man, eine durch natürliche Ereignisse veränderte Fläche möglichst schnell wieder in die Produktion bringen. Denn natürliche Ereignisse wie Stürme, Borkenkäfer oder Eisbruch bedeuten hier Störungen - es geht Holz verloren oder die Qualität verschlechtert sich.

Dadurch verlieren wir in der bewirtschafteten Kulturlandschaft einen großen Teil der Arten, die auf Alterung und Absterbeprozesse von Wäldern oder auch zeitweise lichte Stellen und offene Lücken im Wald angewiesen sind. Um diesen Teil der biologischen Vielfalt zu erhalten, sind dauerhafte und großflächige Schutzgebiete wichtig, die nicht durch Menschen genutzt werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu, sondern liegt in der Tradition der Ausweisung der großen Nationalparke in Nordamerika und nachfolgend in anderen Teilen der Erde begründet. Schutzgebiete, die verschiedenste Ökosysteme repräsentieren, sind die wichtigsten Elemente der weltweiten Strategie zum Schutz der biologischen Vielfalt. Um das umzusetzen, wurden auf verschiedensten politischen Ebenen Ziele vereinbart: in Verhandlungen der Vereinten Nationen, Europäischen Union und in der Bundesrepublik Deutschland.

Großflächig darf Natur Natur sein - mit Ausnahmen

In Regionen mit langer menschlicher Besiedlungsgeschichte, wie in Mitteleuropa, sind viele natürliche Lebensräume verschwunden. Arten, die bis heute überlebt haben, mussten sich Ersatz suchen. Diese Ersatzlebensräume haben sie teilweise in Flächen gefunden, die durch kleinräumige, historische Bewirtschaftung entstanden sind. Solche Bewirtschaftungsformen wurden aufgegeben, weil sie unter den heutigen Bedingungen für Land- und Forstwirtschaft nicht mehr als effizient gelten. Dazu gehört beispielsweise die traditionelle Beweidung der Grinden, der nahezu waldfreien Bergheiden im Nordschwarzwald. Die Grinden beherbergen viele Arten an Tieren, Pflanzen und Pilzen, die speziell auf diesen Lebensraum angewiesen sind. Daher gilt es, auch diese Flächen zu erhalten und zu schützen.

Die großflächige und maschinenintensive heutige Bewirtschaftungspraxis bietet nur wenigen Arten Lebensgrundlage. Die historisch entstandenen Ersatzlebensräume müssen daher durch spezielle, aktive Maßnahmen erhalten werden. Um dies zu gewährleisten, hat die Europäische Union (EU) mit der Flora-Fauna-Habitat (FFH) Richtlinie und der Vogelschutz Richtlinie ein Netzwerk von Schutzgebieten (Natura 2000) über Europa gespannt. Damit sollen sowohl Lebensräume als auch vom Aussterben bedrohte Arten geschützt werden. Im Nationalpark Schwarzwald können wir die geschützten Lebensräume der Grinden durch Beweidung erhalten und damit Arten schützen, die auf spezifisches aktives Eingreifen des Menschen angewiesen sind. Die Grinden, die etwa drei Prozent der Gesamtfläche des Nationalparks ausmachen, liegen innerhalb der sogenannten Managementzone des Nationalparks. Innerhalb der Managementzone, die maximal 25 Prozent der Gesamtfläche des Nationalparks ausmachen darf, kann die Nationalparkverwaltung auch dauerhaft in die natürliche Entwicklung eingreifen.

Neben den beiden oben genannten Strategien zur Erhaltung von Lebensräumen listen die EU-Richtlinien zusätzlich vom Aussterben bedrohte Arten, die ebenso Schutzmaßnahmen brauchen. Dazu gehört im Nationalpark Schwarzwald das Auerhuhn. Diese Art könnte bei Anpassung der forstwirtschaftlichen Bewirtschaftung außerhalb des Nationalparks wie auch zukünftig in Prozessschutzflächen unter den heutigen Klimabedingungen überleben. Allerdings hatten die natürlichen Prozesse im Nationalpark noch nicht ausreichend Zeit, die notwendigen Waldstrukturen zu schaffen. Daher wird mit dem Auerhuhn-Notfallplan versucht, dieses derzeitige Defizit zu überbrücken.

Wie kann Biodiversität im Wald geschützt werden?

Schutzgebiete alleine reichen nicht aus, um die globale Biodiversität zu erhalten. Sowohl im Wald als auch im Offenland bedarf es einer Bewirtschaftung, die auf die Erhaltung der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen Rücksicht nimmt. Eine dieser Grundlagen ist die biologische Vielfalt.

In einem Projekt der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und des European Forest Institute (EFI) wurden über ganz Europa angewandte Beispiele zusammengebracht, die sowohl die nachhaltige, forstwirtschaftliche Nutzung als auch die Erhaltung und Förderung der Biodiversität anstreben. Der Nationalpark Schwarzwald repräsentiert in diesem Zusammenhang einen Startpunkt mit der geringsten Bewirtschaftungsintensität in der Waldfläche.

 

 

 

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