Wie viele Arten gibt es im Nationalpark Schwarzwald?

23.05.2022 von Jörn Buse, Stefanie Gärtner, Flavius Popa, Marc Förschler in Kategorie: Nationalparkforschung

Was heißt Artenreichtum? Was macht einen Nationalpark besonders, wenn es um Artenreichtum geht? Hier gibt es Einblicke in die Erforschung des Artenreichtums im Nationalpark Schwarzwald:

Eine Fläche unter Prozessschutz zu stellen, wie das in einem Nationalpark geschieht, ist laut der Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity - CBD) eines von mehreren Instrumenten, um die biologische Vielfalt zu erhalten. Ein Nationalpark hat die Aufgabe, auf großer Fläche besonders den Teil der biologischen Vielfalt zu schützen, der von dynamischen Prozessen in Ökosystemen abhängt. Sprich: Von einem Nationalpark profitieren ganz besonders solche Arten, die eine natürliche Waldentwicklung - wenn wir Natur Natur sein lassen - brauchen.

Allerdings umfassen die 16 deutschen Nationalparke zusammen nur etwa 0,6 Prozent der Landfläche in Deutschland. Das entspricht etwa der vierfachen Fläche des Bodensees - oder einer Fläche, die so groß ist wie das Saarland minus viermal der Nationalpark Schwarzwald... Egal, wie lustig die Vorstellung eines angeknabberten Saarlands ist oder wie schön die Vorstellung eines viermal so großen Bodensees - es ist auf die Gesamtfläche gesehen: wenig. Um die globale Artenvielfalt zu erhalten, sind Schutzgebiete wie Nationalparke also zwar ein wichtiger Baustein einer erfolgversprechenden Naturschutzstrategie, aber angesichts des geringen Flächenanteils bei weitem nicht ausreichend. Eine nachhaltige Landbewirtschaftung außerhalb von Schutzgebieten sowie die Vernetzung von Naturschutzflächen ist daher zusätzlich extrem wichtig.

Eine Kernaufgabe der Nationalparkverwaltung Schwarzwald besteht im Erhalt und der Entwicklung des artenreichen heimischen Tier- und Pflanzenbestandes, so sieht es der §3 im Nationalparkgesetz (NLPG) vor. Dies bedeutet für den noch jungen Nationalpark Schwarzwald, die "Lebensgemeinschaften zu erkunden und zu dokumentieren" (§5 NLPG), um die weitere Entwicklung verfolgen zu können. Daher ist es für das Team des Fachbereichs 2 - Ökologisches Monitoring, Forschung & Artenschutz eine stete Aufgabe, eine möglichst umfassende Artenliste des Nationalparks zu führen. Schon mal vorab zum Vergleich: In Deutschland kommen mehr als 48.000 Tier-, 9.500 Pflanzen- und mehr als 14.000 Pilzarten vor, wie beim Bundesamt für Naturschutz zu erfahren ist.

Durch vielfältige Inventarisierungs- und Forschungsarbeiten haben wir einen ersten Überblick über den Artenreichtum im Nationalpark Schwarzwald erstellt, der nun jährlich aktualisiert wird. Bis Ende 2021 konnten wir auf dem Gebiet des Nationalparks insgesamt 7.218 Arten erfassen. Davon sind nur etwa drei Prozent Vögel und Säugetiere sowie etwa neun Prozent Farn- und Blütenpflanzen. Während das Vorkommen der meisten Vögel und Säugetiere schon vor der Gründung des Nationalparks bekannt war, liegt der wahre Artenreichtum mehr im Verborgenen: Über die Hälfte der Arten gehören zu den wirbellosen Tieren (Insekten, Spinnentiere und Mollusken etwa 53 Prozent). Auch die Artenvielfalt der Pilze ist enorm hoch und hat mit 21 Prozent einen großen Anteil am gesamten Artenvorkommen. Der Nordschwarzwald hat im Landesvergleich hohe Jahresniederschläge - deshalb sind die Gruppen der Moose und Flechten besonders artenreich vertreten, die von einer höheren Feuchtigkeit profitieren. Die bisher bei uns im Nationalpark Schwarzwald nachgewiesenen Arten repräsentieren etwa 22 Prozent der in Baden-Württemberg vorkommenden Artenn - auf nur etwa 0,28 Prozent der Landesfläche Baden-Württembergs!

Noch sind viele Organismengruppen, wie beispielsweise die Springschwänze (Collembola), nicht ausreichend im Nationalpark dokumentiert. Von einer annähernd vollständigen Artenliste sind wir noch weit entfernt. Die wirkliche Artenzahl über alle Gruppen liegt sicherlich weit über der bisher bekannten. Schätzungen im Nationalpark Bayerischer Wald gingen 2011 bei 7.299 erfassten Arten von etwa 14.000 wirklich vorhandenen Arten aus. Zu beachten ist langfristig die Veränderung im Artenbestand durch Zu- und Abwanderung. Es bleibt also spannend!

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Zur Person

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