Eine Spur wilder?

26.09.2022 von Dr. Kerstin Ensinger in Kategorie: Nationalparkforschung

Subjektives Wildnis-Erleben im Nationalpark Schwarzwald

Was viele intuitiv ohnehin längst wissen, gilt mittlerweile dank zahlreicher Studien als wissenschaftlich belegt: Naturaufenthalte haben eine positive Wirkung. Aber Natur verspricht nicht automatisch, dass wir uns erholen. Insbesondere die Wirkung von Wildnis ist noch wenig erforscht.

In Europa gibt es naturwissenschaftlich gesehen so gut wie keine Wildnis. Trotzdem können wir Wildnis gerade auch im Nationalpark Schwarzwald erleben (Abb.1).

Was sind die Kriterien für dieses «Wildniserleben»? Und wie wirkt sich ein Besuch im Nationalpark Schwarzwald auf unsere Erholung und somit Gesundheit aus?

Um sich diesen Fragen anzunähern, haben Forscherinnen und Forscher im Herbst 2018 das Wildnis-Erleben und mögliche Effekte auf die Erholung auf drei Wanderwegen im Nationalpark untersucht (Schliffkopfrunde, Rundweg Ruhestein – Wilder See – Darmstädter Hütte – Ruhestein, Wildnispfad).

15 Studienteilnehmende haben die Daten erhoben und sich mit Fragebögen, GPS-Geräten und Herzfrequenzmessgurten ausgestattet auf den Weg gemacht.

In einer ersten Phase haben sie an 24 vordefinierten Punkten pro Weg ein Erlebnisprotokoll zur Umweltwahrnehmung und zum Wildnis-Erleben ausgefüllt. In einer zweiten Phase haben die Teilnehmenden per GPS-Gerät Punkte markiert, fotografiert und dokumentiert, die sie als besonders positiv oder negativ für das Erleben von Wildnis eingeordnet haben.

Einen stark positiven Einfluss auf das Wildnis-Erleben hatten insbesondere der Eindruck von Naturbelassenheit, markante Geländecharakteristika, sowie eine als natürlich erlebte Wegbeschaffenheit.

Viele Teilnehmende haben es als negativ gewertet, wenn der Eindruck menschlichen Handelns oder Eingreifens vorhanden ist (Infrastruktur, Zivilisationslärm, Abfall, Wegpflege, breite Wege, wahrnehmbare Ausbesserungen, Beschotterung etc.).

Ein zentrales Ergebnis dieser Studie ist, dass ein gewisses Maß an Wildnishaftigkeit nicht nur psychologisch „gut tut“, sondern auch objektiv messbar physiologisch gesundheitsförderlich wirkt (Abb.3).

 

Auch wenn die Ergebnisse auf einer relativ geringen Stichprobengröße basieren, geben sie Anlass zu der Vermutung, dass ein Besuch im Nationalpark und ein Sich-auf„Wildnis“-Einlassen dazu geeignet ist, einen Kontrast zum Stress und den Herausforderungen unseres täglichen Lebens zu setzen.

Das Wissen darüber, was Besucherinnen und Besucher überhaupt als wild erleben, kann für die Besucherlenkung und die Wegegestaltung im Nationalpark, aber auch woanders genutzt werden. Denn je mehr man darüber weiß, wie die Landschaft auf verschiedenen Wegen wirkt, desto treffender kann darüber informiert werden, was einen auf dem jeweiligen Pfad erwartet.

Der Nationalpark Schwarzwald ist vergleichsweise jung und seine Natur wird zunehmend wilder. Deswegen ist es besonders spannend zu sehen, wie sich das Wildnis-Erleben im Laufe der Zeit verändert - und welche Dosis Wildnis wir noch als erholsam erleben.

von Lindern, E., Blech, S., Gosteli, F. (2019). Wildnis-Erleben im Nationalpark Schwarzwald. Zürich & Seebach: Dialog N – Forschung und Kommunikation für Mensch, Umwelt und Natur & Nationalpark Schwarzwald.

 

Ergebnisbericht des Projekts

 

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Zur Person

Dr. Kerstin Ensinger

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