Ich, die Großvatertanne

14.12.2022 von Iris Lemanczyk in Kategorie: Blog

Huhu! Huuuuhuuu! Kannst du mich sehn? Ich bin’s, die Weiß-Tanne. Huhu, hier! Du kannst mich nicht übersehen. Trotz der vielen Tannen um mich rum. Denn ich bin besonders. Besonders alt. Besonders krumm. Und ich bin in Erzähllaune. Also, wenn du ein, zwei Minütchen Zeit hast…

Der Tannen-Nationalpark

Weißt du, dass wir uns hier im Tannen-Nationalpark treffen? In keinem anderen Waldgebiet in Deutschland gibt es mehr Tannen als hier. Ich spreche von uns Tannen, nicht von den Kollegen, den Fichten, auch wenn diese umgangssprachlich - aber botanisch inkorrekt - oft als "Rottanne" bezeichnet wird. Fichte sticht, Tanne nicht! Eine uralte Eselsbrücke, um uns zu unterscheiden. Wir Tannen haben flache, spiralig angeordnete nadelförmigen Blätter. Und uns wirft so schnell nichts um, darum werden wir auch so alt – wenn man uns werden lässt….

Älter als 200 Jahre

Ich bin schon uralt, nach meinem 200. Geburtstag habe ich mit dem Zählen aufgehört. Vor ein paar Jährchen hat man mir den Namen „Großvater Tanne“ verpasst. Großvater – pfff, flott klingt das nicht. Wenigstens bin ich mit dem Namen nicht allein. Ein weiterer Großvater steht bei Freudenstadt, außerhalb unseres Nationalparks. Wo es sonst noch welche gibt, hab ich vergessen. Das Gedächtnis… weißt schon.

Vom Schwarzwald nach Amsterdam

Aber eins vergesse ich bestimmt nicht: Dass meine Großväter Amsterdam aufgebaut haben. Kein Witz. In Amsterdam gibt’s ziemlich viel Wasser. Da ließ sich nur bauen, wenn die Grundmauern der Häuser mit Pfählen tief im lockeren Boden verankert wurden. Wir sind lang und unsere Stämme sind dick. Logisch, dass wir in den Niederlanden heiß begehrt waren. Allein für das Amsterdamer Rathaus brauchten die Baumeister 13.659 Pfähle! Deshalb wurden die schönen, hohen Schwarzwald-Tannen abgeholzt, dann die Schwarzwald-Flüsse entlang geflößt, um später als gewaltige Flöße auf dem Rhein transportiert zu werden. Aber damals war ich noch nicht mal ein Sämling.

Kleiner Makel

Verschont blieb ich auch von einer Karriere als Schiffsmast. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich nicht die Traummaße einer Tanne vorweisen kann. Groß bin ich schon, aber nicht von geradem Wuchs. Ich weiß nicht mehr genau, was passiert war, ob ich einen Schlag bekommen hab oder ob die Erde unter mir abgerutscht ist. Ist ja steil hier. Jedenfalls musste ich mir was einfallen lassen, um das Gleichgewicht zu halten. Darum hab ich einen Seitentrieb wachsen lassen. Nicht so hübsch, aber überlebenswichtig.

Ganz schön lang

Ich kann duften. Ich kann glänzen. Ich bin immergrün. Ich wäre der ideale Weihnachtsbaum gewesen, wenn, ja wenn ich nicht diesen Makel mit dem Seitentrieb gehabt hätte. Aber ich bin froh, dass mir diese kurze Karriere als Weihnachtsbaum erspart blieb. Mittlerweile würde ich sowieso in kein Wohnzimmer mehr reinpassen. Groß wie ich bin. Wir europäischen Weiß-Tannen gelten als die höchsten Bäume des Kontinents: Auf 40 bis 60 Meter Höhe bringen wir‘s.

Wir können ein bisschen besser mit Trockenheit

Noch bis vor ein paar Jahrzehnten fanden alle die Fichten besser als uns. Weil sie so schnell wachsen und selbst auf Kahlflächen besser keimen und wachsen. Aber wir haben dafür Wurzeln, die in die Tiefe gehen. Deshalb stresst uns die Trockenheit nicht ganz so schnell und wirft uns ein Sturm nicht gleich um - wie die Kollegen mit den spitzen Nadeln. Über deren Stress freut sich der Buchdrucker. Darum stehen wir jetzt wieder hoch im Kurs. Aber, ich will kein Fichten-Bashing anzetteln.

Hunger nach Holz

Ganz ursprünglich waren wir Tannen hier, zusammen mit ein paar Laubbäumen. Gut, vielleicht gab es auch die ein oder andere Fichte. Weil der Hunger nach Holz gewaltig war, holzten die Leute ab wie verrückt. Um mich rum wurde es immer lichter. Fast war der Schwarzwald kahl. Es musste dringend aufgeforstet werden - mit Bäumen, die schnell wachsen. Dafür taugten wir nicht, aber die Fichten. Darum gibt’s von denen im Schwarzwald so viel. Aber wir Tannen, wir sorgen dafür, dass der Nationalpark Schwarzwald sich auch Tannen-Nationalpark nennen darf. Auch wenn hier natürlich viel mehr Fichten als Tannen stehen, so ist doch in keinem anderen deutschen Nationalpark der Tannenanteil größer. Das ist kein so ein „Großvater-erzählt-Märchen-Ding“. 

3 Kommentare

15.12.2022 um 09:16 Uhr von Gaby:

Wirklich interessanter Beitrag
So unterhaltsam geschrieben. Die Informationen werde ich sicher nicht vergessen.
Antworten

15.12.2022 um 11:50 Uhr von Tini :

Da hab ich was gelernt
Eine Frage hab ich doch noch: gibts auch Großmütter-Tannen? Sonst wärs ja ziemlich einsam für unser Grossväterchen!
Antworten

15.12.2022 um 18:52 Uhr von Petra:

Liebe Großvater-Tanne...
...Du hast ja offensichtlich ne Menge Vorteile gegenüber diesen 0815-Fichten. Wird denn der Schwarzwald jetzt mit Dir wieder aufgeforstet, wenn der Borkenkäfer oder irgendein Sturm zugeschlagen hat?
Antworten

Hinterlasse uns einen Kommentar:

Verbleibende Zeichen: 600

Zurück

Zur Person

Iris Lemanczyk

Bloggt im Auftrag der Nationalparkverwaltung aus dem Nationalpark Schwarzwald.

 

Fragen zum Thema?

Nationalpark-Pressestelle

Tel.: +49 7449 92998-14
pressestelle@nlp.bwl.de