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Dennis Müller

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.

 

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„Das A und O sind verlässliche Daten“

21.09.2020 von Dennis Müller in Kategorie: Blog
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Ein Ausflug in den Nationalpark ohne vernünftiges Kartenmaterial? Für viele Wandernde unvorstellbar. Doch wie werden die Routenpläne eigentlich erstellt und wer kümmert sich darum? Kommt mit auf eine kleine Erkundungstour durch das Dickicht des Geodatenmanagements.

Vor sehr, sehr langer Zeit – in der Epoche der Seefahrer um Christoph Kolumbus – standen Karten stellvertretend für Fortschritt und Macht. Denn wer sie sich leisten konnte, besaß einen wichtigen Wissensvorsprung vor allen anderen – zumindest im bereits erforschten Teil der Welt. Allerdings war die Erstellung aussagekräftiger Karten zu jener Zeit mühsam, komplex und besonders kostspielig. Schließlich musste alles, bis ins kleinste Detail, von Hand gezeichnet werden. Und bei allem Respekt vor den einstigen Pionieren: Einheitliche und nationenübergreifende Standards bei Kartenmaßstäben oder Symbolik existierten schlichtweg nicht. Kaum verwunderlich also, dass der ein oder andere „Entdecker“ damals glaubte, neues Land gesehen zu haben. Was allzu oft ein Irrtum war.

Das Ziel: „Räumliche Phänomene für Dritte verständlich machen“

Mehr als ein halbes Jahrtausend später sieht die Welt natürlich ganz anders aus. Auch hier im Nationalpark Schwarzwald. Ein gut organisiertes, vierköpfiges Expertenteam rund um den Diplomgeographen Sönke Birk kümmert sich im Sachbereich „Geodatenmanagement“ um alles, was es rund um die Erstellung von Karten zu tun gibt. Und das ist ganz schön viel, wie mir Sönke Birk im Gespräch verrät.

Denn bereits im Vorfeld der eigentlichen Kartenerstellung ist seitens der Kartografinnen und Kartografen ordentlich Gehirnschmalz gefragt. Und das unabhängig davon, ob es sich um die Produktion analoger oder digitaler Karten handelt. Die Fachleute sehen sich bei jedem neuen Kartenprojekt mit denselben zwei Fragen konfrontiert. Erstens: Wie gelingt es bei der schier unendlichen Zahl an Daten, die Phänomene eines Raums für Dritte verständlich abzubilden? Und zweitens: Wer sind diese „Dritten“ eigentlich? Birk konkretisiert: „Für unser Team ist es enorm wichtig zu wissen, für welche Zielgruppe wir welche Information wie stark gebündelt aufbereiten sollen. Schließlich adressieren wir mit unseren Nationalparkkarten unterschiedliche Interessensgruppen. Da reden wir über klassische Übersichtskarten mit Highlightrouten für Urlaubsgäste, Detailkarten für das Borkenkäfermonitoring oder auch digitale Wegsperrungskarten, von denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Einsatzkräfte und Wandernde gleichermaßen profitieren.“ Bleibt die Frage: Wie läuft die Realisierung solcher Karten im Detail ab?

Die Erstellung: Geodaten für alle Ebenen

Wie die Überschrift des Blogartikels bereits vermuten lässt, ist die Datengrundlage für die Erstellung einer Karte entscheidend. Ein Glück, dass der Nationalpark aus einem großen Fundus unterschiedlicher Quellen schöpfen kann. Neben eigenproduzierten Flächendaten stehen den Experten und Expertinnen Fremd- bzw. amtliche Daten, Laserscandaten sowie Fernerkundungsdaten von Satellitenbildern zur Verfügung. All diese Informationspakete über das 100 Quadratkilometer große Nationalparkgebiet werden zunächst auf einer zentralen Datenbank zwischengespeichert. Um dann in ein GIS (geographisches Informationssystem) übertragen zu werden. Birk ist dabei besonders von der rasanten Geschwindigkeit der Datenverarbeitung beeindruckt: „Heute gibt es unzählige Softwarelösungen, mithilfe derer sich unterschiedlich gut und stark verschiedene Aspekte der Kartenkonzeption bewältigen lassen. Datenmengen, die vor zehn Jahren noch nicht zu verarbeiten waren, können inzwischen sehr schnell umgewandelt und visualisiert werden.“

Ein Umstand, der auch auf die smarte Struktur der Softwarelösungen zurückzuführen ist. Schließlich sind die meisten Programme heute nach einer Ebenenlogik aufgebaut. Das dient der besseren Übersichtlichkeit bei der Übertragung der Geodatensätze. Doch welche Daten gehören in welche Kartenebene? Birk ordnet ein: „Bei der klassischen Wanderkarte liegen die allgemeinen Flächendaten meistens ganz unten, dann folgen Linien- und Punktdaten, ehe auf der obersten Ebene die sogenannten „Labels“, also Beschriftungen kommen.“ Je nach Kartenform und Informationsdichte sind es folglich unterschiedlich viele Ebenen, die im System angelegt werden. Häufig, so Birk, liege das auch im Ermessen derjenigen die die Karten erstellen. Denn die Wahrnehmungen, wie detailliert eine Wanderkarte sein sollte, gehen häufig auseinander. Muss der Routenplan etwa Höhenlinien enthalten oder nicht? Und mit welcher Symbolik werden Steigung und Gefälle gekennzeichnet? Fragen über Fragen, für die es nun mal keine Patentlösungen gibt.

Der Wandel: über den „künstlerischen Aspekt“ der Karten

Eben weil mittlerweile so viele Optionen bei der Datenaufbereitung bestehen, werden Karten längst nicht mehr nur als reine Informationsprodukte verstanden. Vielmehr rücken ein gutes Look-and-feel sowie der „künstlerische Aspekt“ in den Vordergrund. Für meinen Interviewpartner eine logische Entwicklung: „Eine Karte ist ein Erkennungszeichen. Wie eine Art Signatur des Herausgebers. Heute weiß ich anhand des Designs von Karten genau, welcher Verlag für diese verantwortlich ist. Auch unsere Nationalparkkarten und Broschüren haben eine ganz individuelle Optik.“

Darüber hinaus ist für Birk der Aspekt der Nachhaltigkeit entscheidend: „Wichtig ist immer die Balance. Also dass die Karten möglichst lange und für möglichst große Gruppen von Menschen interessant sind und zugleich nutzbare und sinnvolle Informationen bieten.“ Ein Spagat, den das Nationalparkteam stets aufs Neue meistern muss. Schließlich haben die Kartenerstellerinnen und Kartenersteller vor allem eines: eine große Verantwortung für das, was sie in ihren Karten abbilden.


Hintergrund:
Die Vorstellung eines Maßstabes und der Maßstäblichkeit von Karten war wohl schon im 13. Jahrhundert den Seekartenmachern bekannt. Da aber die meisten Kartenmacher bis ins 17. Jahrhundert keine mathematische Ausbildung hatten, waren deren Karten weder mit einer exakten Projektion, noch mit einem Maßstab nach heutigem Verständnis ausgestattet. Zudem fehlten die technischen Voraussetzungen für genügende Positionsbestimmungen und Vermessungen.