Die heimlichen Herrscher

11.11.2020 von Judith Wildt Bastos in Kategorie: Blog

Pilze spielen in nahezu allen Lebenssituationen eine entscheidende Rolle. So auch im Ökosystem Wald. Flavius Popa ist Mykologe beim Nationalpark Schwarzwald und forscht seit einigen Jahren über diese erstaunlichen Lebewesen. Mit ihm und sieben interessierten Besuchern erkundet Nationalpark-Bloggerin Judith Wildt Bastos auf dem Wildnispfad bei Baden-Baden das faszinierende Reich der Pilze.

 

"Kann man den Pilz essen?“, fragt ein Teilnehmer sofort, während Flavius Popa den Gelbblättrigen Holznabelling in seiner Hand genauer untersucht. Der 34-jährige Mykologe ist seit 2016 beim Schwarzwald Nationalpark. Bei dieser Frage huscht Popa ein kleines Schmunzeln über die Lippen. Sind Pilze doch weit mehr als nur die sogenannten Fruchtkörper. Das und vieles mehr erfahren wir gleich hautnah – während der dreistündigen Führung auf dem Wildnispfad am Plättig an der Schwarzwald-Hochstraße. Los geht’s!

 

Über Stock, Stein und Stämme: der Wildnispfad


Der insgesamt 4,5 kilometerlange Wanderpfad im Nordteil des Nationalparks durchzieht eine 70 Hektar große Waldfläche. Nachdem Stürme und Orkan „Lothar“ viele 150 Jahre alte Bäume umgeworfen hatten, ist der Waldabschnitt seit einigen Jahren der Natur überlassen. Auf schmalem Pfad tauchen wir immer tiefer in die Wildnis ein. Es gibt viele Hindernisse: kreuz und quer liegende Baumstämme, steile Treppen und Leitern, imposante Wurzelteller, große und kleine Steine. Mal geht es darüber – mal auch darunter durch. Popa sagt: „Der Wildnispfad ist ideal für Pilz-Führungen. Es ist schön feucht hier, und man findet immer was."

 

Pilze bauen das Totholz im Wald ab

 

Umringt von einer Redakteurin, sieben weiteren Zuhörerinnen und Zuhörern sowie unzähligen Buchen und Tannen erklärt der Experte: „Den Gelbblättrigen Holznabelling erkennt man gut an seiner auffälligen goldgelben Färbung der Lamellen. Typischerweise findet man ihn auf stark zersetztem Nadelholz. Gerade jetzt im Herbst bildet der Pilz seinen auffälligen Fruchtkörper und kommt bei uns im Nationalpark auf Totholz vor. Der Pilz zeigt, dass wir es hier mit naturnahen Wäldern zu tun haben.“ Apropos Totholz. „Gäbe es keine Pilze, würden wir in unseren Wäldern im toten Material versinken!“ sagt Popa. Pilze sind die einzigen Lebewesen, die den Verfestigungsstoff von Holz, das sogenannte Lignin, in großer Menge abbauen können und die Nährstoffe dem Kreislauf des Lebens wieder zurückführen. Popa betont: „Kein anderer Organismus kann das so erfolgreich.“

 

Was sind Pilze – Tiere oder Pflanzen?

Pilze gehören weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren. „Sie haben ihr ganz eigenes Reich“, erklärt Flavius. Pilzen fehlen typische pflanzliche Merkmale wie Wurzel, grüne Blätter, Samen und Früchte. Aber sie haben Zellwände, die im Gegensatz zu Pflanzen nicht aus Zellulose, sondern aus Chitin bestehen – einem Stoff, der auch im Panzer von Schalentieren, Insekten und Spinnen enthalten ist. Der Experte sagt: „Anders als Pflanzen können Pilze keine Photosynthese machen. Sie müssen sich ähnlich wie Tiere und Menschen von anderen organischen Substanzen ernähren, um zu überleben.“

 

Pilzfäden durchwuchern den Waldboden

Ein plötzlich auffrischender Wind fegt eisig über unsere Köpfe hinweg. Während wir instinktiv die Mützen tiefer ins Gesicht ziehen, tanzen die Baumwipfel bedrohlich im Wind – begleitet von ohrenbetäubendem Rauschen. Doch die herbstlichen Witterungsverhältnisse bringen Flavius Popa so schnell nicht aus dem Konzept. Er erklärt seelenruhig weiter: „Ein Pilz ist aus vielen schlauchartigen Zellen zusammengesetzt, dann bildet er ein Geflecht aus winzigen Pilzfäden, den Hyphen. Dieses Wirrwarr fadenförmiger Zellen – auch Myzel genannt – durchwuchert den Waldboden teilweise viele Meter weit in alle Richtungen. „Und das ist dann der eigentliche Pilz.“ Die unterschiedlich geformten Fruchtkörper sind lediglich seine Fortpflanzungsorgane. Aha, so langsam – aber sicher – dämmert mir, was Pilze für gigantische Lebewesen sind! „Der größte bekannte Pilz ist ein dunkler Hallimasch“, sprudelt es aus dem Pilzforscher raus. „Er befindet sich im US-Bundesstaat Oregon. Das Geflecht dieses mehr als 2000 Jahre alten Riesen erstreckt sich über eine Fläche von neun Quadratkilometern. Sein Gewicht wird auf 600 Tonnen geschätzt.“ Wow, das sitzt!

 

Symbiotische Gemeinschaft mit anderen Organismen

 

Während ich noch vergeblich versuche, mir diesen Riesen-Pilz vorzustellen, läuft Flavius weiter und steuert geradewegs auf ein kleines rotes Exemplar zu. „Weiß jemand zufällig, was das ist?“ fragt er in die Runde. „Ein Fliegenpilz ohne weiße Punkte?“ Wir sind ratlos. Der Experte klärt auf: „Das ist

Russula emetica, ein Kirschroter Speitäubling – ein Symbiont der Buche!“ Sogleich erfahren wir: 90 Prozent aller Pflanzenarten sind mit Pilzen vergesellschaftet. Das heißt im Klartext: Vom Gänseblümchen bis zur Buche haben alle Pilze an den Wurzeln. Man unterscheidet verschiedene Mykorhhizasymbiosen, je nachdem, welche Pflanzen- und Pilzpartner beteiligt sind. Dieses perfekte Zusammenspiel funktioniert bei der Ektomykorrhiza, der Symbiose zwischen Waldbäumen und Waldpilzen so: Die Pilzfäden umspinnen die Wurzeln einer Pflanze. So bilden sie einen Mantel, dort findet Stoffaustausch statt. Die Pflanze erhält vom Pilz Wasser und Nährstoffe. Der Pilz wiederum profitiert, indem er Zucker erhält. Wenn ein Pilz mehrere Bäume verbindet, können nicht nur Nährstoffe, sondern auch Signalstoffe transportiert werden. „Stellt euch vor“, sagt Popa, „ein Baum wird von Insekten angegriffen und produziert daraufhin Stresshormone. Über den Pilz wandern diese Stoffe dann zu den Nachbarbäumen. Das ist wie ein Frühwarnsystem. Zu Recht kann man sagen: Pilze sind die Netzwerker des Waldes und haben einen großen Einfluss auf das Waldökosystem.“

 

Pilzforscher aus Leidenschaft

So vielfältig und artenreich wie die Pilze selbst sind auch Flavius Popas Aufgaben im Nationalpark. Der Mykologe ist dafür zuständig, alle Pilze zu entdecken, die es hier gibt. Eine Mammutaufgabe, für die er sich ein strenges Forschungsprotokoll auferlegt hat, das er akribisch befolgt. „Im Nationalpark haben wir circa 1500 Pilzarten, in ganz Baden-Württemberg 5500. Die Anzahl der nachgewiesenen Pilzarten steigt fast täglich, da das Gebiet nun genauer Untersucht wird.“ Mykologen schätzen, dass es weltweit mehr als fünf Millionen Pilzarten gibt. „Davon kennen wir aber erst circa 2,5 Prozent.“ Darüber hinaus arbeitet Popa an zahlreichen Studien mit, die das Wissen um die Welt der Pilze weiter voranbringen sollen. „Vieles ist noch unerforscht – die Chancen sind wirklich hoch, was Neues zu entdecken“, betont er voller Begeisterung. Popa studierte übrigens in Marburg Biologie. Seit seiner ersten Vorlesung in Mykologie hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. „Mich hat es einfach umgehauen, welche Vielfalt, also Diversität, im Reich der vielfach unterschätzen Pilze existiert.“

 

Zurück in die Zivilisation


Nach zweieinhalb Stunden Fußmarsch erreichen wir den Adlerhorst, eine Plattform, die ähnlich wie ein Nest in die Baumwipfel gebaut wurde. Einstimmig beschließen wir, die Abkürzung zurück zum Parkplatz zu nehmen. Der Wind ist immer noch sehr launisch. Sicher ist sicher. Außerdem sind wir mittlerweile ziemlich durchgefroren und sichtlich beeindruckt von den heimlichen Herrschern unserer Welt. Die Frage, ob man die einzelnen Pilze nun essen kann oder nicht, ist am Ende gar nicht mehr so relevant. Und im Nationalpark bleiben die Pilze sowieso unberührt - versteht sich.

 

Wollen Sie auch bei einem geführten Spaziergang durch die wilder werdende Natur die Welt der Pilze entdecken? Dr. Flavius Popa organisiert regelmäßig Führungen. Hier geht’s es zum Veranstaltungskalender des Nationalparks.

 

Die interessantesten Pilzarten, die Popa bereits im Nationalpark gefunden hat, präsentiert der Wissenschaftler in einer eigenen Blog-Reihe„Pilz des Monats“ 

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Zum Autor

Judith Wildt Bastos

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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