Wildnis für alle? Aber sicher!

02.09.2021 von Judith Wildt Bastos in Kategorie: Blog

Jeder soll in den Genuss des Abenteuers Natur kommen – so steht es sinngemäß im Leitbild des Nationalparks Schwarzwald. Viele Mitarbeiter – darunter Svenja Fox und Heidrun Zeus – engagieren sich unermüdlich, Spaziergänge und Wanderungen bis hin zu Übernachtungen im Trekkingzelt für hör-, seh- oder gehbehinderte Menschen erlebbar zu machen. Im Gespräch mit Bloggerin Judith Wildt Bastos verraten die Wildnisexpertinnen, warum dieses Engagement für alle Beteiligten eine echte Herzenssache ist.

 

Der Nationalpark Schwarzwald bietet zahlreiche Angebote für Menschen mit Behinderungen – welche Philosophie und Intentionen stecken dahinter?

Svenja Fox:  Zunächst muss man sagen, dass wir als Nationalpark barrierefreie Angebote bieten müssen. Wir sind eine Behörde, die Angebote für alle Menschen schaffen muss – da gibt es gesetzliche Verpflichtungen. Aber weitaus wichtiger ist, dass wir das wollen! Alle, die bei uns arbeiten, haben den Wunsch, spannende, interessante, inspirierende und bewegende Veranstaltungen für alle Menschen erlebbar zu machen.

 

Welche konkreten barrierefreien Angebote gibt es denn im Nationalpark Schwarzwald?

Svenja Fox: Grundsätzlich können interessierte Besucherinnen und Besucher unseren Jahreskalender wälzen und unsere Angebote zu festen Terminen auswählen. Falls eine Veranstaltung in Gebärdensprache stattfindet, steht das explizit in der Beschreibung dabei. Daneben gibt es die Möglichkeit, Angebote auf spezielle Bedürfnisse anzupassen. Ich darf an dieser Stelle alle Interessierte herzlich einladen, sich an uns zu wenden! Es stehen alle Orte, alle Wege, alle Formate grundsätzlich offen. In Absprache mit mir oder Heidrun passen wir die Veranstaltung dann individuell an die Bedürfnisse an.

 

Was motiviert Sie, Führungen für Menschen mit Behinderung zu organisieren?

Heidrun Zeus: Mir ist es wichtig, dass wir alle die gleichen Rechte, Chancen und Möglichkeiten haben. Deswegen möchte ich Menschen mit Einschränkungen die Teilhabe am Nationalpark Schwarzwald ermöglichen. Und das funktioniert nach meiner Erfahrung sehr gut. Will heißen: Man kann trotz Handicap an fast jeder Veranstaltung teilnehmen. Mir persönlich gibt es sehr viel, wenn wir es schaffen, Barrieren abzubauen und zu überwinden!

Svenja Fox: Wir machen Bildungsangebote nicht nur aus einem touristischen Zweck heraus. Sondern wir haben Nachhaltigkeit, Naturschutz, Umweltschutz, Klimaschutz und globalen Wandel auf der Agenda. Kurzum: Im Leitbild des Nationalparks haben wir den Begriff Inklusion verankert. Wenn es um Resilienz, Gesundheit und Erholung geht, ist der persönliche Zugang zur Natur essentiell, weil die Natur eine Quelle für Energie ist. Dies möchten wir allen Menschen ermöglichen. Beim Thema Nachhaltigkeit brauchen wir alle: die Reichen, die Armen, die Menschen mit und ohne Behinderung.

Hand aufs Herz – würden Sie sagen, Sie sind in Sachen Barrierefreiheit schon auf einem guten Weg im Nationalpark Schwarzwald?

Svenja Fox: In der Arbeitsgemeinschaft „Barrierefreiheit und Inklusion“ stellen wir uns immer die Frage: Barrierefrei für wen? Es geht ja nicht darum, ein Angebot für Menschen mit Behinderung zu erfinden und dann alle Menschen mit Handicap dorthin zu schicken. Fakt ist, dass jeder Rollstuhlfahrer einen anderen Rollstuhl hat und jede Behinderung ganz unterschiedlich ist. So sind auch die Barrieren, über die wir sprechen, sehr unterschiedlich. Ergo: Ein Angebot für alle Menschen mit Behinderung würde diesem Umstand nicht gerecht werden. Ich behaupte, dass wir im Bereich Gebärdensprache extrem weit sind. Ich selbst kann Gebärdensprache und arbeite im Nationalpark mit einem unbefristeten Vertrag, also einer langfristigen Perspektive. Alle Exponate im neuen Nationalparkzentrum sind mit vier Sprachen ausgestattet – eine davon ist Gebärdensprache (DGS). Will heißen: Es gibt zu jedem Exponat ein dazugehöriges Video. Außerdem bieten wir für taube Menschen Wildnisübernachtungen an. Das heißt, sie können mit einer Rangerin draußen in der Natur übernachten und Feuer machen – dieses Trekking-Angebot gibt es sonst nirgendwo. Aber auch im Bereich kognitive Einschränkungen sind wir weit. Hier ist es entscheidend, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Führung machen, ein großes Bewusstsein für die Einschränkungen und Fähigkeiten der Menschen haben.

 

Frau Zeus, was ist bei einer Führung mit Menschen mit Behinderung besonders wichtig?

Heidrun Zeus: In vielen Fällen ist es wichtig, einen Sachverhalt besonders einfach zu formulieren. Ganz viel geht bei sehbehinderten Menschen beispielsweise natürlich über Fühlen, Riechen und Tasten. Da arbeite ich mit verschiedenen Naturmaterialien wie Vogelfedern, Steinen oder Blättern. Die Dinge, die ich gerade sehe, beschreibe ich: Wie ist der Weg beschaffen – aus harten oder weichen Materialien? Wie sehen die Pflanzen aus? Ich muss mit meinen Worten viel Begeisterung auslösen, damit die Teilnehmer ein Bild im Kopf bekommen. Das ist eine ziemliche Herausforderung – macht aber total Spaß!

 

Welche Faktoren sind zudem ausschlaggebend, damit eine Führung rund wird?

Svenja Fox: Wir führen mit jeder Gruppe ein ausführliches Vorgespräch. Da klären wir im Detail, welche speziellen Einschränkungen und Wünsche es gibt.

Heidrun Zeus: So bekomme ich bereits im Vorhinein ein sehr gutes Gespür für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Und auch während der Tour passe ich mich flexibel an die Bedürfnisse der Besucherinnen und Besucher an. Gerade bei blinden und sehbehinderten Menschen macht es einen großen Unterschied, ob die Einschränkung bereits seit Geburt besteht oder das Blindsein erst im Laufe des Lebens entstanden ist. Nehmen wir an, jemand hat noch nie Farben gesehen, dann kann er sich einen schwarzen oder dunklen Vogel nur sehr schwer vorstellen.

 

Frau Zeus, wie reagieren Sie dann in so einer Situation?

Heidrun Zeus: Ich versuche das Thema Farben mit Hilfe von Temperaturen zu erklären. Zum Beispiel steht kalt sinnbildlich für blau, heiß wäre rot und so weiter. Oder ich sage: Blau fühlt sich an wie Wind.

 

Wie ist die Resonanz der Teilnehmenden auf Ihre Angebote?

Heidrun Zeus: Die Leute, die da waren, sind begeistert. Aber viele Menschen mit Behinderung wissen gar nicht, dass sie zu uns kommen und unsere Angebote gut bewältigen können – trotz ihrer Handicaps. In Sachen Kommunikation nach außen, da hapert es noch.

 

Wo gibt es noch weitere Baustellen, die Sie angehen wollen?

Svenja Fox: Besonders bei den Themen Infrastruktur und Wegekonzept haben wir noch einen sehr langen Weg vor uns. Wir wollen, dass möglichst viele Wege im Nationalpark auch bei Mobilitätseinschränkungen zugänglich sind und mit passenden Bänken, also beispielsweise unterfahrbaren Tischen, ausgestattet werden. Wir müssen Informationen noch besser bündeln und Karten erstellen, die barrierefreie Wege aufzeigen. Das Thema Barrierefreiheit ist kein Projekt, sondern ein Prozess, bei dem wir selbst stetig dazulernen. Durch das Feedback unserer Teilnehmer bekommen wir wertvolle Anregungen, an denen wir wachsen. Wir haben das Thema eigentlich ständig im Kopf und leben es. Tatsächlich gibt es noch viel zu tun – aber die Zeit müssen wir uns geben.

Svenja Fox hat Umweltmanagement mit Schwerpunkt Naturschutz und biologische Vielfalt in Berlin studiert. Die gebürtige Frankfurterin hat im Anschluss an ihr Hochschulstudium einige Jahre beim WWF in Berlin im Bereich Kinder- und Jugendarbeit gearbeitet – bis sie schließlich 2015 zum Nationalpark Schwarzwald wechselte. Heute arbeitet Svenja Fox im Fachbereich 4 der Natur- und Wildnisbildung. Besondere Fähigkeiten besitzt die 36-Jährige in Sachen Gebärdensprache. Bereits mit 14 Jahren hat Svenja aus persönlichem Interesse begonnen, Gebärdensprache zu lernen. Sie sagt: „Mein Wunsch war immer, Gebärdensprache mit Umweltbildung zu verbinden“. Darüber hinaus ist Svenja Fox Mitglied der vierköpfigen Arbeitsgemeinschaft „Barrierefreiheit und Inklusion“ des Nationalparks Schwarzwald und ist Ansprechpartnerin rund ums Thema Barrierefreiheit.

Kontakt: Svenja Fox ist per E-Mail unter der Adresse svenja.fox@nlp.bwl.de zu erreichen.

Auch Heidrun Zeus ist schon viele Jahre beim Nationalpark Schwarzwald mit an Bord. Zunächst engagierte sich die gelernte Medienfachfrau ehrenamtlich als Rangerin beim Naturschutzzentrum – dem Vorläufer des Nationalparkzentrums – und übernahm dort viele Wochenenddienste sowie Führungen. Sie sagt: „2014 hatte ich schließlich das Glück, eine Stelle als Rangerin beim Nationalpark Schwarzwald zu bekommen.“ Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft „Barrierefreiheit und Inklusion“ hat auch Heidrun Zeus ein wachsames Auge auf das Thema Barrierefreiheit. Ihr Spezialgebiet: Führungen für Blinde und sehbehinderte Menschen.

Kontakt: Heidrun Zeus ist per E-Mail unter der Adresse heidrun.zeus@nlp.bwl.de erreichbar.

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Zum Autor

Judith Wildt Bastos

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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Tel.: +49 7449 92998-14
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