Zugvögel: (un)freiwillige Weltenbummler?

21.10.2021 von Anja Nolte in Kategorie: Blog

Vogel müsste man sein, wenn die Tage bei uns kürzer und kälter werden. Einfach abheben und dorthin fliegen, wo es noch schön warm ist. Gerade im September und Oktober sind im Nationalpark einige gefiederte Freunde unterwegs, die es uns vormachen. Aber wo wollen sie hin und welche Rolle spielt dabei der Schwarzwald? Bloggerin Anja hat im Nationalpark bei Biologin und Vogelexpertin Esther del Val Alfaro nachgefragt.

 

Der Winter im Schwarzwald rückt näher. Die Bäume färben sich gelb, orange und rot und die Pfade bekommen nach und nach einen Teppich aus bunten Blättern. Viele heimische Tierarten sammeln Vorräte für den Winter, andere bereiten sich für den Winterschlaf oder die Winterruhe vor. Doch hoch oben über den Baumwipfeln ist von Ruhe keine Spur. Hier herrscht jetzt reger Flugverkehr. Jedes Jahr überqueren zu dieser Zeit hunderttausende von Zugvögeln den Nationalpark Schwarzwald auf ihrem Weg ins Winterquartier.

 

Frau del Val Alfaro, woher kommen all die Vögel, die wir im Herbst im Schwarzwald beobachten können?

Esther del Val Alfaro: Die meisten Zugvögel haben ihre Brutgebiete in Skandinavien und Nordost-Europa. Manche haben sich schon im Juli von dort aus auf den Weg in ihre Überwinterungsgebiete in Südeuropa oder Afrika gemacht, aber die meisten überqueren den Schwarzwald in den Monaten September und Oktober.

 

Warum nehmen die Vögel so einen weiten Weg überhaupt auf sich?

Esther del Val Alfaro: Die wichtigste Ursache für den Vogelzug sind nicht nur die im Herbst tiefer werdenden Temperaturen, sondern das je nach Jahreszeit extrem unterschiedliche Nahrungsangebot in den nordischen Brutgebieten. Viele Arten ziehen deshalb im Herbst in Gebiete ab, in denen sie wieder ein ausreichendes Nahrungsangebot finden. Vor allem Arten, die Insekten fressen, würden an Nahrungsmangel zugrunde gehen, wenn sie den Winter über in ihrem Brutgebiet blieben. Die Natur zwingt sie also mehr oder weniger, sich auf den Weg zu machen.

 

Und wieso kommen die Vögel ausgerechnet über den Nationalpark Schwarzwald?

Esther del Val Alfaro: Der Nationalpark liegt mitten auf den Zugrouten vieler nordischer Vogelarten durch den Schwarzwald. Da die Reise in den Süden äußerst kräftezehrend ist, versuchen die Zugvögel, die für sie günstigste Route zu wählen. Sie lassen sich durch den Verlauf der Täler leiten, bevorzugen Pässe und Strecken mit guten Windverhältnisse und vermeiden es in der Regel, steil aufragende Gebirgskämme zu überfliegen. Die meisten Zugvögel überqueren den Schwarzwald ohne Zwischenstopp, einige Arten wie der Steinschmätzer und das Braunkehlchen legen aber auch gezielt eine Rast auf den beweideten Grinden im Nationalpark ein, wo sie ihre Reserven wieder auffüllen können.

 

Welche Zugvogelarten kann man außerdem im Nationalpark beobachten?

Esther del Val Alfaro: Manche Arten, wie der Buchfink, der Ringeltaube und der Star kann man sehr gut beobachten, da sie tagsüber und in große Schwärmen ziehen. Andere, wie der Kuckuck, die Nachtigall oder der Wendehals, sind hingegen sehr heimlich, da sie nachts und einzeln unterwegs sind.

Wie und wo kann ich die Vögel am ehesten entdecken?

Esther del Val Alfaro: Im Nationalpark kann man den Herbstzug am besten in den Hochlagen am Seibelseckle, dem Schliffkopf, der Zuflucht oder auf dem Kniebis beobachten. Gute Anhaltspunkte für die Artenbestimmung sind bestimmte Flugmerkmale wie die Körperhaltung, Flügelform, Flugbewegung, Flügelschlagfrequenz oder die Fluggeschwindigkeit. Außerdem sind bei Arten, die Schwärme bilden, auch die Truppform und Truppdichte aufschlussreich. Viele Arten äußern auf dem Zug auch charakteristische Zugrufe.

 

Ist die Wanderung für die Vögel gefährlich?

Esther del Val Alfaro: Durchaus. Die Überquerung von Gebirgen wie dem Schwarzwald ist für Zugvögel ziemlich kräftezehrend. Neben natürlichen Prädatoren können auch schlechte Witterungsbedingungen zum Problem werden, indem sie die Zugvögel entkräften oder von ihrem eigentlichen Kurs abbringen. Die Tiere müssen ihre Reise dann manchmal mehrere Tage unterbrechen, um sich auszuruhen und ihre Energiereserven wieder aufzufüllen. Ungestörte Plätze sind deshalb besonders wertvoll. Die Störung durch menschliche Aktivitäten – zum Beispiel bei Verstößen gegen das Wegegebot oder die Leinenpflicht für Hunde – sind für die Tiere besonders problematisch. Aber auch durch den Straßenverkehr und bei Kollisionen an Windkraftanlagen verunglücken regelmäßig Tiere.

 

Verändern die Vögel ihr Zugverhalten auch manchmal?

Esther del Val Alfaro: Die Zugrouten über Mitteleuropa haben sich seit der letzten Eiszeit gebildet und im Laufe der Zeit je nach Klimabedingungen auch immer wieder mal verändert und verschoben. Dabei ist Vogelzug grundsätzlich als ein sehr dynamisches System zu sehen, das von Art zu Art sehr unterschiedlich sein kann. Bis heute entwickeln sich auch immer wieder völlig neue Zugrouten wie beispielsweise in den letzten Jahren bei den Kranichen in Süddeutschland oder den Mönchsgrasmücken in Großbritannien.

 

Welche Auswirkungen wird der Klimawandel auf das Zugverhalten haben?

Esther del Val Alfaro: Bestimmte Arten kehren schon heute früher aus Nordafrika nach Deutschland zurück als noch vor 30 Jahren. Auch der Zug nach Süden setzt teils später ein. Manche Vogelarten verkürzen ihre Zugstrecke, andere entwickeln neue Zugrouten oder stellen teilweise die Wanderung ein. Für manche Arten – vor allem für Langstreckenzieher – ist das ein großes Problem, denn wenn sie zu spät im Brutgebiet eintreffen, sind die besten Reviere von anderen konkurrierenden Arten bereits besetzt. Der Anstieg der Durchschnittstemperaturen führt zudem dazu, dass sich etliche Insekten früher als sonst entwickeln. Spätheimkehrer finden dann nicht mehr genug Nahrung, die sie jedoch brauchen, um ihre Jungvögel großzuziehen.  

 

Wird es also irgendwann vielleicht gar keine Zugvögel mehr geben?

Esther del Val Alfaro: Das ist ungewiss und hängt davon ab wie schnell und stark sich das Klima verändern wird. Heute sind etwa drei Viertel aller Vogelarten Zugvögel. Die Bestände unserer Zugvögel sind aber in den vergangenen Jahrzehnten teils schon dramatisch zurückgegangen. Das liegt aber vor allem an der Zerstörung der Lebensräume, sowohl im Brutgebiet wie auch bei Rastplätzen oder in Winterquartieren. Siedlungswachstum oder Intensivierung der Bewirtschaftung vernichten beispielsweise wichtige Lebensräume. Rastplätze auf den Zugrouten werden zunehmend überbaut oder entwässert. In den Winterquartieren müssen Wälder für Plantagen weichen und wertvolle Küstengebiete werden durch gigantische Tourismus-Projekte zerstört. Die Zugvögel zeigen uns, wie wichtig die weltweite Vernetzung von Schutzgebieten ist.

Zur Person

Esther del Val Alfaro ist Diplom Biologin mit Schwerpunkt Ornithologie. Seit September 2015 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich 2 - Ökologisches Monitoring, Forschung und Artenschutz im Nationalpark Schwarzwald tätig.

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Zum Autor

Anja Nolte

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.


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