Ein Jäger im Nationalpark
Ich weiß nicht, was ich von dem Termin halten soll: Ein Treffen mit Jonas Klumpp, Berufsjäger im Nationalpark. In einem Nationalpark Tiere zu schießen, das passt irgendwie nicht. Hier soll doch Natur Natur sein. Mit diesen Gedanken steige ich zu Jonas ins Auto.
Mein erster Blick fällt auf ein schwarzes Gewehr, das am Beifahrersitz lehnt. Ich hatte noch nie eine echte Waffe gesehen. Jonas ist meinem Blick gefolgt. „Es kann nichts passieren. Das Gewehr ist gesichert und nicht geladen“, beruhigt er mich. Aber man kann damit töten, denke ich. Du entscheidest mit dem Finger am Abzug…
Gleich als erstes frage ich ihn, warum es im Nationalpark überhaupt Jäger gibt. „Ausschließlich aus Anrainerschutz, denn die Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer außerhalb des Nationalparks wollen keine Schäl- oder Verbissschäden an ihren Bäumen. Deshalb gibt es eine Quote, wieviel Wild in der Jagdsaison abgeschossen werden muss“, erklärt Jonas. Das sind 55 Stück Rotwild. Von 1. August bis 31. Dezember geht die Jagdsaison, knapp drei Monate weniger als das Gesetz erlaubt.
Zu wenig Wild
„Wir haben eigentlich zu wenig Wild im Nationalpark. Von allen deutschen Nationalparks haben wir das wenigste Rotwild. Deshalb frage ich mich, ob diese Quote sinnvoll ist“, meint Jonas. Ich staune, diese Reaktion habe ich nicht von einem Jäger erwartet. Es stört ihn auch nicht, dass er auf der Hälfte seines 4.200 Hektar großen Reviers nicht jagen darf, weil es etwa zur Kernzone gehört, in der Natur wirklich Natur sein darf.
Neues Gebiet
Seiner Meinung nach sollte sich die Abschussquote verändern, seitdem Wolf und Luchs im Nationalpark sind. „Ein Luchs frisst etwa ein Reh pro Woche.“ Das wird nur zur Abschussquote mitgerechnet, wenn Jonas den Riss, also das tote Tier, findet. Auch deshalb muss Jonas sein Revier gut kennen. Manchmal zieht der 31-Jährige fünf, sechs Stunden mit seinem Hund Bert, einer Brandlbracke, durch den Wald, schaut, wo sind Spuren vom Wild, wo es Sinn macht zu jagen, wo Abdrücke und eventuelle Risse sind. Vor allem durch die Erweiterung des Nationalparks muss er neues Gebiet kennenlernen.
Wir fahren zu einer Hütte im Schönmünztal, davor ist ein riesiges Netz gespannt. „Ich liebe die Abwechslung bei meiner Arbeit“, schwärmt er und erklärt, wofür das Netz ist. Damit soll Wild gefangen und dann narkotisiert werden, um ihm einen Sender für Forschungszwecke anzubringen. Diese Mischung aus Jagd und Zusammenarbeit mit der Forschung ist der Reiz seines Arbeitsplatzes.
Experiment „Netzfang“
Jonas war unsicher, ob sich das Rotwild überhaupt unter dem riesigen Netz aufhalten wird. Er legte Trester unterm Netz aus, nach ein paar Wochen trauen sich die Tiere dorthin. Bald wird das Fangen mit dem Netz versucht.
Wir fahren zum Hochsitz, das Gewehr immer noch neben mir. Ich frage Jonas, wie er Berufsjäger wurde. „Familiär bin ich null vorbelastet. Meine Eltern sind Sozialpädagogen, aber Tiere waren immer mein Ding“, erzählt er. Zimmerer hat Jonas gelernt, „ich war glücklich“.
Schuhe anziehen, pinkeln und mitkommen
Als er den Vater eines Kumpels mit Vollbart, Hut und Gewehr gesehen hat, fand er das befremdlich. „Es hieß, der geht jagen.“ Jonas hatte viele Fragen und der Jäger meinte: „Wenn es dich interessiert, dann Schuhe anziehen, pinkeln und mitkommen.“ An dem Abend wurde ein Rehbock geschossen. Jonas machte, was man ihm sagte, er half auch beim Aufbrechen des Tieres. Es gefiel ihm. Dann hieß es, dass in sechs Monaten ein Jagdkurs anfinge. Er wehrte erst mal ab, ging aber weiter mit zur Jagd.
„Meine Mutter konnte es nicht glaube, dass ich drei Stunden still auf dem Hochsitz sitzen kann. Und, dass ich deshalb freiwillig frühmorgens aufstehe. Aber die Stimmung im Wald gefällt mir sehr.“ Jonas machte nicht nur seinen Jagdschein, sondern auch eine Ausbildung zum Berufsjäger. Momentan macht er seinen Meister.
Ab jetzt wird nur noch geflüstert
Jonas parkt das Auto am Wegesrand, zieht den grünen Jägerhut auf und wirft das Gewehr über die Schulter. Von jetzt an flüstern wir nur noch. Wir gehen vielleicht 200 Meter in den Wald hinein, vor einer ehemaligen Sturmfläche mit viel Farn steht ein Hochsitz. Ich genieße die Stille und die Abenddämmerung, starre auf die Freifläche hinter den Farnen, ein Ast knackt, die letzten Vögel suchen einen Schlafplatz. Es ist friedlich. Ich kann verstehen, dass diese Ansitz-Zeit Freude bereitet.
Plötzlich steht ein Hirsch bei bestem Licht auf der freien Fläche. Dann geht alles ganz schnell. Jonas schießt. Wow – wie laut so ein Schuss ist. Der Hirsch bricht zusammen, stöhnt, atmet noch ein paarmal laut hörbar, dann ist sein Leben vorbei. Jonas weiß, dass er in mir keine Hilfe hat, deshalb ruft er den mithelfenden Jäger Winfried an.
Alle sind schweißgebadet
Zusammen schleifen sie den erlegten Hirsch aus dem Unterholz durch die Farne, einen Grasweg hinunter zum Auto. Obwohl ich nur mit der Taschenlampe leuchte, bin ich fast so schweißgebadet wie Jonas, nachdem der zweijährige Hirsch endlich auf dem Anhänger liegt. Was danach mit dem Hirsch passieren soll wird mir erzählt, dabei sein möchte ich nicht. Trotzdem denke ich auf der Heimfahrt, alle, die Fleisch essen, sollten so etwas erleben.
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Zur Person
Iris Lemanczyk
Bloggt im Auftrag der Nationalparkverwaltung aus dem Nationalpark Schwarzwald.
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1 Kommentar
06.11.2026 um 13:14 Uhr von AllaD: