Kein Vogelzug im Nebel

Ein Treffen mit der Ornithologin Esther del Val Alfaro

29.10.2026 von Iris Lemanczyk in Kategorie : Blog

Den Vogelzug will ich mit Esther del Val Alfaro beobachten, dafür treffen wir uns morgens am Schliffkopf. Ich male mir große Schwärme von Buchfinken, von Ringeltauben oder Staren aus, die über unsere Köpfe fliegen. Im Tal hängt der Nebel, hier oben herrscht eine magische Stimmung. Wir sehen ein paar Buchfinken, Esther hört einen Gimpel und einen Zilpzalp zwitschern. Dann zieht der Nebel schnell vom Tal auf, damit können wir den Vogelzug für heute vergessen.

Lieber kein Risiko

„Zugvögel legen bei Nebel meistens eine Rast ein“, sagt Esther, die Vogelexpertin des Nationalparks. „Denn Vögel, die am Tag ziehen, orientieren sich häufig an Landschaftsmerkmalen. Im Nebel sind die Flug- und Sichtverhältnisse nicht optimal. Das bringt ein gewisses Risiko mit sich, das die Tiere nicht im Kauf nehmen wollen.“

Schade, dabei sind wir eigentlich jetzt, im Oktober, genau zur rechten Zeit hier. „Die meisten Zugvögel die den Nationalpark überqueren haben ihre Brutgebiete in Skandinavien und Nordost-Europa. Sie überwintern in Südeuropa oder Afrika und fliegen im September und Oktober über den Schwarzwald“, sagt die Ornithologin. Viele davon ohne Zwischenstopp. Einige, wie der Wendehals oder die Nachtigall, sogar nachts.

Grinden bevorzugt

„Manche Arten, etwa das Braunkehlchen oder der Steinschmätzer legen eine Rast im Nationalpark ein. Sie bevorzugen die Grinden, auf den offenen Bergweiden können sie in Ruhe ihre Reserven auffüllen. Denn so eine Reise kostet viel Kraft, deshalb sind ungestörte Plätze für die Vögel besonders wichtig“, erklärt Esther.

Wie beliebt die Route über den Schwarzwald ist, beziehungsweise wie viele Vögel über den Nationalpark fliegen, wurde mit einem Radargerät gemessen: „In einer Höhe bis 1.500 Meter und hochgerechnet auf einen Kilometer Breite waren es mehr als eine Million überfliegende Vögel während der gesamten achtmonatigen Kampagne, genau gesagt: 1.091.171 Tiere“, erläutert Esther. „Den größten Anteil daran haben Singvögel, gefolgt von Watvögeln wie zum Beispiel Waldwasserläufer, Bekassinen und Brachvögel.“

 

Soll man Vögel das ganze Jahr füttern?

Da das mit dem Beobachten des Vogelzugs heute nichts mehr wird, schneide ich ein anderes Thema an: Soll man Vögel denn das ganze Jahr über füttern? Von Esther kommt ein eindeutiges „ja“. „Bei uns ist die Landschaft so aufgeräumt. Da haben die Vögel oft große Probleme, genug Futter zu finden - sowohl im Winter als auch im Sommer.“ Viele Arten lieben etwa die Samen vom Löwenzahn. Wird der Rasen ständig kurz getrimmt oder werden Wiesen zu früh gemäht, dann gibt es keinen Samen, sodass eine beliebte und wichtige Nahrungsquelle während der Brutsaison wegfällt.

 

Futter auch auf den Boden streuen

„Wenn Vögel im Frühjahr Nachwuchs haben, füttern sie ihnen die in der Natur vorkommende Nahrung. In dieser Zeit können Futterhäuschen die erwachsenen Tiere bei der Selbstversorgung oder in Notzeiten unterstützen“, meint Esther. Sie empfiehlt Sonnenblumenkerne und Meisenknödel, aber auch Weizen-, Hafersamen, Walnüsse, Erdnüsse, Kürbiskerne, Rosinen und zerkleinertes Obst. „Wichtig ist, dass keine Katzen an die Futterplätze kommen“, betont sie. Besonders wichtig ist das beim Streuen von Samen auf den Boden. Denn es gibt Vögel, zum Beispiel Buchfink oder Bergfink, die ihr Futter nicht aus dem Vogelhäuschen holen, sondern lieber vom Boden aufpicken.

„Mein Lieblingsvogel“

Esther hört einen Fichtenkreuzschnabel und strahlt: „Das ist mein Lieblingsvogel. Ich habe meine Doktorarbeit über die Art geschrieben. Es sind Finkenvögel mit einem gekreuzten Schnabel. Sie sind neugierig und hübsch. Die Männchen sind gelb, orange und rot, deshalb werden sie auch die ‚Papageien des Schwarzwaldes‘ genannt. Sie sind recht zutraulich.“

Die Doktorarbeit hat Esther in Barcelona geschrieben, wo die gebürtige Madrilenin auch vier Jahre gelebt hat. Dort verliebte sie sich in einen deutschen Studenten. Zusammen gingen sie erst nach Norddeutschland zur Vogelwarte Helgoland, später landeten sie im Nationalpark. Esther musste nicht nur die Sprache lernen, sondern auch alle Vogelnamen auf Deutsch. Und davon wurden im Nationalpark schon über 200 verschiedene Arten beobachtet.

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Zur Person

Iris Lemanczyk

Iris Lemanczyk

Bloggt im Auftrag der Nationalparkverwaltung aus dem Nationalpark Schwarzwald.

 

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