Grauspecht
Die Art des Monats April 2026
Der Grauspecht, heimlicher Bewohner naturnaher Wälder
Grauspechte (Picus canus) sind typische Bewohner der Mittelgebirge und Niederungen Deutschlands und gelten als wichtige Indikatoren für sehr naturnahe Wälder. Als Brutgebiet bevorzugen sie lichte Laub- und Mischwälder mit einem hohen Altholzanteil.
Zusammen mit dem Grünspecht gehören sie zu den sogenannten «Erdspechten». Diese Bezeichnung rührt daher, dass sie ihre Nahrung vorwiegend am Boden suchen. Der Grauspecht ernährt sich hauptsächlich von Ameisen und ihren Puppen, aber auch andere Insekten sowie Beeren und Samen stehen auf seinem Speiseplan. Er besitzt im Mundbereich Drüsen, die ein klebriges Sekret auf die Zunge absondern. Beutetiere bleiben daran hängen.
Auf den ersten Blick ähnelt der Grauspecht dem etwas größeren, nah verwandten Grünspecht. Um die beiden Arten voneinander zu unterscheiden, sollte man grundsätzlich auf den Kopf- und Halsbereich der Vögel achten. Der Grauspecht hat ein überwiegend grünes Gefieder, einen grauen Kopf und einen schmalen, schwarzen Bartstreifen. Die Männchen besitzen zudem einen kleinen roten Stirnfleck, der bei den Weibchen fehlt. Der Grünspecht hingegen trägt eine breite, kontrastierende Maske um das Auge herum. Beim Weibchen ist diese vollständig schwarz, beim Männchen rot mit schwarzer Einfassung. Beide Geschlechter des Grünspechts haben einen ausgedehnten roten Scheitel.
In Bezug auf Habitatwahl ist der Grauspecht sehr anspruchsvoll. Er besitzt große Brutreviere in ungestörten und ursprünglichen Wäldern mit natürlicher Altersstruktur. Auch im Winter bleibt er seinem Revier meist treu; nur bei sehr ungünstiger Witterung werden diese verlassen.
Aufgrund seiner generell geringen Rufaktivität und seiner heimlichen Lebensweise ist der Grauspecht eine schwer zu erfassende Vogelart. Die kurze Balz beginnt im frühen Spätwinter (Ende März/ Anfang April) mit intensiven Rufreihen und Trommelfolgen. Sein typischer Gesang ist eine immer langsamer und tiefer werdende, etwas melancholisch klingende, pfeifende Tonfolge. Der selten geäußerte Trommelwirbel ist laut und schnell und dauert etwa ein bis zwei Sekunden.
Audiodatei Beispiel Grauspecht (mit Kopfhörer anhören empfohlen)
Als Trommelbaum wählt der Grauspecht gute Resonanzkörper, die das Trommeln weit tragen. Die Bruthöhle wird meist in einem abgestorbenen oder zumindest stark beschädigten Baumstamm gezimmert und mit Holzspänen ausgepolstert.
Der Grauspecht ist in Deutschland und Baden-Württemberg stark gefährdet. In tieferen Lagen ist seine aktuelle Bestandsentwicklung aufgrund von Lebensraumverlust, der Entnahme alter Bäume und der Übernutzung der Wälder erheblich rückläufig.
In höheren Lagen oberhalb 800 m NN im und um den Nationalpark Schwarzwald kommt es hingegen in den letzten Jahren zu vermehrten Beobachtungen revieranzeigender Vögel. Grund dafür sind die neuen Waldstrukturen, die nach den Stürmen „Vivian“ und „Wiebke“ (1991), dem Orkan „Lothar“ (1999) und den anschließenden Borkenkäferkalamitäten auf der gesamten Fläche entstanden sind. Große Teile der ehemals vorherrschenden Fichten-Altersklassenbestände wurden stark aufgebrochen und umstrukturiert, sodass vielerorts eine neue Waldgeneration heranwächst, die struktur- und baumartenreicher ist als der Ausgangsbestand.
Zudem wurden in den letzten Jahren durch eine veränderte waldbauliche Praxis in vielen Waldgebieten Mischbaumarten wie Tanne, Kiefer und Buche wieder gefördert. Der Grauspecht scheint von diesem neuen und vielfältigen Mosaik aus Waldtypen sowie dem in den letzten Jahren milderen Klima zumindest in einigen Gebieten profitieren zu können, sodass aktuell im Nationalparkgebiet mit rund acht Revierpaaren und mehreren umherziehenden Einzelindividuen jährlich gerechnet werden kann.
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Zur Person
Esther Del Val Alfaro
Forschungs-Konzeption, Vertebraten-Monitoring und Artenschutz
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