Kreuzotter - Maßnahmen gegen genetische Verarmung der Populationen
Genetische Untersuchungen liefern neue Impulse für den Schutz der Kreuzotterpopulationen im Nationalpark Schwarzwald.
Die Kreuzotter ist eine von zwei in Baden-Württemberg heimischen Giftschlangen. Aufgrund ihrer einzigartigen physiologischen und morphologischen Anpassungen ist sie in der Lage, in bemerkenswert kalten Klimazonen zu überleben. In Baden-Württemberg kommt sie in offenen und halboffenen Landschaften wie den höheren Lagen des Schwarzwalds, der Schwäbischen Alb sowie in den Moorgebieten Oberschwabens und des Allgäus vor. Sie besiedelt vorzugsweise mosaikartige, kühle und feuchte Standorte mit ausreichend Sonnenplätzen und Strukturen aus Steinhaufen und Totholz. Typische Lebensräume sind lichte Wälder, Heiden und Moore in Höhenlagen zwischen 460 und 1100 Metern mit einer Jahresmitteltemperatur unter 7°C.
Leider nehmen die Kreuzotterpopulationen in Baden-Württemberg seit den vergangenen 100 Jahren kontinuierlich und stark ab. Aktuell wird sie in der Roten Liste der Amphibien und Reptilien daher als stark gefährdet eingestuft. Für den Rückgang sind mehrere Gründe verantwortlich. So wurden die giftigen Schlangen im 19. und 20. Jahrhundert intensiv verfolgt und stark dezimiert, sodass manche Subpopulationen völlig ausgelöscht oder stark geschrumpft waren. Die geringe Mobilität der Kreuzotter erschwert zudem die Etablierung neuer Populationen sowie den Austausch von Individuen zwischen den verbliebenen Vorkommen. Dies kann zu einer Minderung der genetischen Diversität und zu einem erhöhten Risiko der Degeneration der Populationen durch genetische Verarmung führen (Inzuchtdepression). Das Überleben kleiner, isolierter und im Folgenden weniger anpassungsfähiger Populationen ist aktuell zudem durch Lebensraumzerstörung (Verbuschung, Verlust offener Landschaften und Aufforstung), Fragmentierung (Siedlungs- und Wegebau) sowie durch die globale Erwärmung bedingte steigende Temperaturen und abnehmende Feuchte zunehmend bedroht.
Als Top-Prädator vieler Reptilien-, Amphibien- und Säugetierarten spielt die Kreuzotter aber eine wichtige Rolle für das Funktionieren der Ökosysteme und Aufgrund ihrer geringen Toleranz gegenüber Temperatur- und Feuchtigkeitsveränderungen ist sie auch ein wichtiger Indikator für die ökologische Qualität eines Lebensraums.
Isolierte Populationen im Nationalpark sind mittelfristig von genetischer Erosion bedroht
Der Schwarzwald ist einer der größten verbliebenen und zusammenhängenden Lebensräume der Europäischen Kreuzotter in Baden-Württemberg. Aufgrund der besonderen Verantwortung für den Schutz und den Erhalt dieser wichtigen Art koordiniert die Forschungsabteilung des Nationalparks seit Jahren wissenschaftliche Untersuchungen, um die aktuelle Situation der lokalen Populationen im Nordschwarzwald zu evaluieren. Mithilfe von Ehrenamtlichen werden die Bestände dabei regelmäßig erfasst und kontrolliert. In Kooperation mit dem Institut für Organismische und Molekulare Evolutionsbiologie (iomE) der Universität Mainz wurden zudem die ersten genetischen Untersuchungen durchgeführt. Die Ergebnisse liefern neue Erkenntnisse über den aktuellen Zustand der Populationen und helfen dabei, die Zukunftsaussichten der Kreuzotter einzuschätzen und gezielte Schutzstrategien für den Schwarzwald zu entwickeln.
Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass es im Nationalpark drei kleine, geographisch aber teils isolierte Kreuzotterpopulationen auf den Grindenflächen gibt.
Erfreulicherweise zeigt sich, dass die genetische Vielfalt dieser Populationen noch innerhalb normaler Bereiche liegt und mit den Werten von Populationen ähnlicher Studien aus anderen europäischen Regionen vergleichbar ist. Das könnte jedoch auch an den historisch größeren Beständen im Schwarzwald liegen. Diese wiesen ursprünglich eine große Variation in den Genen und genetischen Merkmalen auf, die in den aktuellen Populationen teilweise noch vorhanden sind.
Gleichzeitig bilden sich aber auch die ersten Anzeichen der Verinselung durch hohe genetische Unterschiede zwischen den Teilpopulationen und teils hohe Verwandtschaftsgrade ab. Diese Symptome genetischer Erosion sind sehr ernst zu nehmen. Teilen sich Populationen beispielsweise durch anthropogene Barrieren wie Straßen oder die Folgen der Lebensraumzerstörung in weitere Subpopulationen auf, kann sich die genetische Erosion zunehmend verschlimmern. Die Teilbestände können dann weiter sinken und schließlich sogar aussterben.
Rechtzeitig handeln: Vernetzung ist der Schlüssel zum Erfolg
Diese Ergebnisse unterstreichen die Wichtigkeit und Dringlichkeit, gezielte Schritte zu unternehmen, um die lokalen Populationen zu stabilisieren und zu vergrößern. Dafür muss die Habitatqualität verbessert und eine kontinuierliche Verbindung zwischen den Populationen durch die Etablierung von Korridoren geschaffen werden.
Im Kontext des Klimawandels ist der Erhalt und die Erweiterung geeigneter Lebensräume für die Kreuzotter in den Höhenlagen des Nationalparks besonders wichtig, da zu erwarten ist, dass die Art auf Dauer nur in den kältesten Regionen Baden-Württembergs und in der Nähe von kühleren Mooren existieren kann.
Der Nationalpark führt daher seit seiner Gründung Maßnahmen zur Erhaltung der Kreuzotter durch. Diese umfassen die Wiedervernetzung der verbliebenen Grindenflächen inklusive der Auflichtung angrenzender Waldflächen, die extensive Beweidung mit Rindern und Pferden, die Anlage von Kleingewässern sowie die Wiedervernässung und Renaturierung von Moorstandorten.
Diese Maßnahmen wirken sich bereits jetzt positiv auf den lokalen Bestand der Kreuzotter aus und leisten somit einen ersten kleinen Beitrag zu deren Überleben im Nordschwarzwald und in Baden-Württemberg. Wir arbeiten derzeit an der Weiterentwicklung eines flächendeckenden Managementkonzepts, um den Erhalt dieser Schlüsselart in unseren verschiedenen Lebensräumen zu gewährleisten und unserer Verantwortung als Schutzgebiet gerecht zu werden.
Referenzen:
Schmid L, Grünewald J, Förschler MI, Griebeler M (2025) Substantial Genetic Differentiation Within and Between Populations of the European Adder (Vipera berus) in Baden-Württemberg, Germany. Ecology and Evolution, Volume 15, Issue 7| https://doi.org/10.1002/ece3.71644
sonstige:
https://www.nationalpark-schwarzwald.de/nationalpark/blog/2022/kreuzotter
https://www.nationalpark-schwarzwald.de/nationalpark/blog/2023/kreuzotter-die-heimische-giftschlange
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Zur Person
Esther Del Val Alfaro
Forschungs-Konzeption, Vertebraten-Monitoring und Artenschutz
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