Fliegende Edelsteine - Tagfalter und Widderchen im Nationalpark Schwarzwald

15.07.2026 von Dr. Jörn Buse in Kategorie : Nationalparkforschung
  • Pflanzenartenvielfalt bestimmt Tagfaltervielfalt

    Unsere Erfassungen seit Gründung des Nationalparks im Jahr 2014 belegen Vorkommen von 46 Tagfalterarten und zwei Widderchenarten. Das Artenspektrum wird dominiert von Arten des Offenlandes, gehölzreicher Übergangslebensräume und von Generalisten, die viele Lebensräume besiedeln können.

    Die im Gebiet vorkommenden Tagfalterarten nutzen dabei unterschiedliche Pflanzen zur Raupenentwicklung. Dabei zeichnen sich deutliche Cluster ab. Die meisten Arten vollziehen ihre Raupenentwicklung an verschiedenen Kräutern (26 Arten). Dabei stellen die Schmetterlingsblütler (Fabaceae) für sechs Tagfalter wichtige Raupennahrungspflanzen dar.

    Hervorzuheben sind auch die Ampferarten (Rumex), welche besonders für gefährdete Tagfalter, wie die Feuerfalter und das Ampfer-Grünwidderchen, von großer Bedeutung sind. Mehrere Falterarten entwickeln sich an Brennnessel und Veilchen. Verschiedene Süß- und Sauergräser für mehr als 13 Tagfalterarten die Entwicklungspflanzen (Abbildung 1).

    Allein an Pfeifengras (Molinia caerulea) entwickeln sich vier verschiedene Arten. An Sträuchern bzw. Zwergsträuchern leben mit dem Grünen Zipfelfalter sowie dem Faulbaumbläuling (neben Faulbaum auch an Brombeere und Heidekraut) nur zwei Arten. Die Raupen von acht Tagfalterarten ernähren sich an Blättern von Laubbäumen.

    Von Nadelbäumen ernähren sich grundsätzlich keine Tagfalter-Raupen. Der Wachtelweizen-Scheckenfalter entwickelt sich im Gebiet am Wiesen-Wachtelweizen, einem Halbschmarotzer aus der Familie der Sommerwurzgewächse.

     

    Erfassung über Cybertracker-App liefert wertvolle Grundlagendaten

    Insgesamt standen für unsere Auswertung über 2000 Nachweise von Tagfaltern aus dem Nationalparkgebiet zur Verfügung. Sehr viele Beobachtungen haben dabei unsere eigenen Mitarbeitenden, v.a. die Ranger und Kollegen aus der Abteilung Naturschutzstrategie und Monitoring, erbringen können.

    Einen guten Überblick zu Vorkommen von Tagfaltern auf den Bergheiden hat Simon Habermann im Rahmen seiner Bachelorarbeit erarbeitet. Auch ehrenamtlich tätige Ranger haben im Park tatkräftig unterstützt.

    Dabei hat uns die Cybertracker-App für eine schnelle Erfassung im Gelände gute Dienste geleistet. Unter den Sichtbeobachtungen, die über Cybertracker gemeldet wurden, war der Zitronenfalter mit 226 Meldungen die häufigste Art. Trauermantel (150) und Kleiner Fuchs (141) wurden ebenfalls sehr häufig gemeldet. Mehr als 100 Meldungen erreichten auch Baumweißling (124) und Kaisermantel (108).

    Vorkommen landesweit gefährdeter Arten auf den beweideten Bergheiden

    Von den 48 Arten im Nationalpark Schwarzwald sind 16 (33%) in Baden-Württemberg im Bestand gefährdet oder stark gefährdet. Weitere 12 Arten werden auf der Vorwarnliste geführt, sind also Arten, die in Baden-Württemberg einen negativen Bestandstrend aufweisen.

    Mit dem Violetten Feuerfalter (Lycaena alciphron) haben wir Vorkommen einer Art aus dem aktuellen Artenschutzprogramm des Landes (ASP-BW, stark gefährdet). Die Nachweise befinden sich im durch Rinder und Schafe beweideten Teil der Schwarzen Lache und dem durch Koniks und Rinder beweideten Weidekomplex am Hilseneck-Täfele.

    Vom stark gefährdeten Lilagold-Feuerfalter (Lycaena hippothoe) existieren Nachweise aus der Nähe Leimiß, dem rinderbeweideten Muckenloch, an den durch Rinder und Schafe beweideten Bereichen der Schwarzen Lache und mehrfach vom Weidekomplex am Hilseneck.

    Vom Sumpfhornklee-Widderchen (Zygaena trifolii) gibt es Nachweise vom Schönmünztal und von der Hirschbachhofwiese bei Allerheiligen.

    Der in Deutschland gefährdete Gelbbindige Mohrenfalter (Erebia meolans) kommt in Baden-Württemberg nur noch im Schwarzwald zwischen 800 m und 1490 m häufig vor, während tiefer gelegene Vorkommen weitgehend erloschen sind. Aufgrund ihrer Verbreitung trägt der Nationalpark Schwarzwald eine besondere Verantwortung für den Erhalt der vom Klimawandel betroffenen Art (siehe Abbilding 2).

     

    Gutes Management schafft Lebensräume für Klima-Flüchtlinge

    Während der Baumweißling (Abbildung 3) bis vor zwei Jahrzehnten im Nordschwarzwald äußerst selten in den Hochlagen vorkam, ist er inzwischen in den offenen und halboffenen Bereichen des Nationalpark Schwarzwald flächendeckend verbreitet. Das lässt sich neben klimatischen Veränderungen auch auf großflächig verbesserte Lebensraumbedingungen für die Art zurückführen.

    Die praktizierten Pflegemaßnahmen – insbesondere extensive Beweidung und selektive Gehölzentnahme – fördern die Entstehung heterogener Lebensraummosaike sowie wertvoller Übergangszonen zwischen Offenland und Wald, wodurch geeignete Lebensräume für den Baumweißling erhalten und langfristig stabilisiert werden können. Dies zeigt beispielhaft wie wichtig die Entwicklung halboffener und offener Strukturen im Höhengebiet ist.

    Die Verknüpfung aus langfristiger extensiver Beweidung und strukturfördernder Pflege schafft im Nationalpark nicht nur günstige Bedingungen für die Raupennahrungspflanzen, sondern auch ein optimales Mikroklima zur Eiablage. Entscheidend ist auch hier die Heterogenität der Vegetationsstruktur: die Kombination aus lückiger Grasvegetation, mittelhohem Krautwuchs und Einzelstrukturen wie Säumen und kleinen Rohbodenstellen ist für viele Arten essenziell.

    Referenzen:

     

    Buse, J., Förschler, M.I., Drössler, S., Finkbeiner, W., Meineke, J.-U., Schmidt, L., Habermann, S. (2026). Tagfalter und Widderchen im Nationalpark Schwarzwald (Lepidoptera: Hesperiidae, Lycaenidae, Nymphalidae, Papilionidae, Pieridae, Zygaenidae). Carolinea 84: e1-e14 doi: 10.64134/carolinea/84.2.1-14

     

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