Extensive Beweidung mit Großherbivoren als entscheidender Schlüssel zur Rettung des Wiesenpiepers im Schwarzwald

01.07.2026 von Esther Del Val Alfaro in Kategorie : Nationalparkforschung
  • Der Wiesenpieper (Anthus pratensis) ist eine kleine, eher unauffällige Vogelart, die auf offene und extensiv genutzte Landschaften angewiesen ist. Als Kurzstreckenzieher ist er zwischen Mitte Februar und Oktober in seinen Brutgebieten anzutreffen. Die kalte Jahreszeit verbringt er in Südwesteuropa (Frankreich, Spanien) und Nordafrika.

    Wiesenpieper ernähren sich hauptsächlich von kleinen, tagaktiven Insekten und Spinnentieren, die sie vorwiegend am Boden suchen. Ihr napfförmiges Nest bauen sie gut verborgen ebenfalls direkt am Boden, verdeckt von Altgras oder niedriger Beerenstrauch-Vegetation, besonders gerne in durch extensive Beweidung entstandene Grasbulten. Daher ist eine geeignete Ausprägung der Baum-, Strauch- und insbesondere der Krautschicht für die Wahl ihres Brutstandorts entscheidend.

    Der Wiesenpieper ist in ganz Europa und auch in Deutschland stark bedroht. Hauptgrund dafür ist der anhaltende Verlust seines Lebensraums durch die Trockenlegung von Feuchtgebieten und Mooren, die Sukzession von Heideflächen, die Intensivierung der Landwirtschaft und den Rückgang der extensiven Weideviehhaltung. Auch der zunehmende Einfluss des Klimawandels, beispielsweise in Form von vermehrten Starkniederschlägen während der Brutzeit, sowie die in jüngster Zeit durch Nährstoffeinträge über die Luft bedingte Vegetationsverdichtung könnten bei der negativen Entwicklung des Bestands eine Rolle spielen.

    Die wenigen verbliebenen Brutgebiete des Wiesenpiepers in Baden-Württemberg befinden sich aktuell hauptsächlich im Südschwarzwald mit jährlich rund 120 Revieren und im Nordschwarzwald mit circa 30 Revieren. Weitere kleine Populationen kommen noch im Wurzacher Ried (20 Reviere), im Naturschutzgebiet Bodenmöser (10 Reviere), im Mittleren Schwarzwald (5-10 Reviere) und am Federsee vor.

    Bei uns im Nordschwarzwald ist der Bestand des Wiesenpiepers in den letzten zwanzig Jahren besonders dramatisch eingebrochen. Von den noch rund 85 Revieren aus dem Jahr 1995, sind heute weniger als die Hälfte in vereinzelten, inselartigen, gehölzarmen Bereichen umgeben von großen, zusammenhängenden Nadelwaldgebieten anzutreffen. Die Hauptvorkommen befinden sich auf der Hornisgrinde, dem Hochkopf und dem Schliffkopf. Ursachen für den Rückgang sind die eingeschränkte Lebensraumverfügbarkeit infolge des starken Zuwachsens der Bergweiden und großflächiger Sturmflächen, insbesondere mit Fichten, Birken und Latschenkiefern, sowie ein teilweise ungeeignetes Management der Krautschicht. Neue brutbiologische Untersuchungen im Gebiet haben zudem gezeigt, dass der Fortpflanzungserfolg unserer Wiesenpieper-Population im Vergleich zu anderen, ähnlichen Populationen relativ gering ist. Aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit geeigneter Brut- und Nahrungsflächen ist die Rekrutierung, also die Etablierung neuer Individuen in der lokalen Population, auch stark eingeschränkt, was nicht nur für den Bestandszuwachs, sondern auch für den genetischen Austausch und die Vitalität der Population eine große Bedeutung hat.

    Wenn diese Tendenz weiter anhält, ist kurzfristig mit einem endgültigen Einbruch und Erlöschen der lokalen Gesamtpopulation im Nordschwarzwald zu rechnen.

    Aktuelle Maßnahmen zum Schutz der Art konzentrieren sich auf dem Erhalt und der Erweiterung der Brut- und Nahrungsflächen.

    Die Brutgebiete des Wiesenpiepers im Nordschwarzwald befinden sich ausschließlich in natürlichen sowie anthropogen geschaffenen Bergheiden und offenen und halboffenen Hochmooren in Lagen über 800 Metern. Ein Großteil dieser Flächen liegt innerhalb des Europäisches Vogelschutzgebiets „Nordschwarzwald“ und auf den sogenannten „Grinden“ des Nationalparks Schwarzwald. Die Grinden sind eine besondere Landschaft, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert durch Rodung, Streunutzung und Beweidung (vorwiegend mit Rindern) entstand. Aufgrund von Aufforstung, Trockenlegung von Mooren, Aufgabe der Almwirtschaft und anschließender Sukzession, bilden sie heute einen gefährdeten und immer seltener werdenden Lebensraum. Von der ehemals über 2.000 Hektar großen Fläche ist ein Großteil verloren gegangen, sodass aktuell nur noch rund um 200 Hektar vorhanden sind.

    Der Nationalpark Schwarzwald und die umgebenden Schutzgebiete beherbergen die zweitwichtigste Population des Wiesenpiepers in Baden-Württemberg, wodurch sich eine besondere Verantwortung für dessen Schutz ergibt. Um den Fortpflanzungserfolg zu verbessern und einen weiteren Rückgang zu verhindern, konzentrieren sich die aktuellen Bemühungen der Naturschutzverwaltung (Regierungspräsidium Freiburg, Nationalpark Schwarzwald) darauf, seine mittlerweile stark zugewachsenen Brut- und Nahrungsgebiete wieder großflächig zu öffnen und durch geeignete Beweidungskonzepte positiv zu entwickeln. Diese Maßnahmen sind nicht nur für den Erhalt des Wiesenpiepers relevant, sondern auch für viele andere Arten, die aus der intensiv genutzten Wiesen- und Agrarlandschaft mittlerweile weitgehend verschwunden sind.

    Neben periodischen Gehölzpflegemaßnahmen wurde während der gesamten Brutzeit des Wiesenpiepers, von der Revierbesetzung bis zum Abzug aus dem Brutgebiet, eine großflächige Beweidung mit grasfressenden Großherbivoren etabliert. Aktuell werden die Flächen extensiv mit Konikpferden, Heckrindern und Hinterwälder Rindern beweidet und die Besatzdichten dabei an die jeweiligen Standortbedingungen angepasst.

    Nur so lässt sich in der Baum-, Strauch- und Krautschicht ein strukturreiches Mosaik wiederherstellen, in dem optimale Strukturen zur Nahrungssuche und zur Nestanlage in unmittelbarer Nähe zueinander liegen. Solche Strukturen wären allein maschinell oder motormanuell nicht herstellbar.

    Zudem fördern die Weidetiere durch ihren Dung und die Verbreitung von Samen die Verfügbarkeit von Insekten und den Blütenreichtum der Flächen. Diese Dunghaufen werden auch von Wiesenpiepern zur Nahrungssuche genutzt.

    Die ersten Ergebnisse aus den Gebieten Schliffkopf und Zollstock im Nationalpark zeigen, dass unsere Maßnahmen funktionieren. Durch die Kombination aus maschineller Wiederöffnung und extensiver Beweidung der Flächen, kam es innerhalb weniger Jahre zur Wiederbesiedlung dieser vom Wiesenpieper verwaisten Gebiete.

    Der Wiesenpieper als Schirmart für den Erhalt anderer relevanter Arten

    Aus naturschutzfachlicher Sicht ist der Wiesenpieper eine wichtige sogenannte Schirmart (engl. umbrella species). Das sind Arten, die große, intakte Lebensräume benötigen. Schützt man diese Art und ihren Lebensraum, bewahrt man automatisch auch viele weitere Arten, die denselben Lebensraum teilen.

    Von der Optimierung der Wiesenpieperlebensräume profitieren daher auch andere für das Vogelschutzgebiet relevante Arten, wie die Ringdrossel oder der mittlerweile aus dem Nordschwarzwald verschwundene Zitronenzeisig, aber auch Arten anderer taxonomischer Gruppen, die im Untersuchungsgebiet einen ungünstigen Erhaltungszustand aufweisen oder für die der Nationalpark ebenfalls eine hohe Verantwortung trägt, wie beispielweise die Kreuzotter, der Gelbbindige Mohrenfalter, die Alpine Gebirgsschrecke oder der Warzenbeißer.

    Die Maßnahmen dienen somit nicht nur der Förderung einer einzigen Vogelart, sondern langfristig auch der gesamten Artenvielfalt eines sehr besonderen und auch kulturhistorisch bedeutsamen Lebensraums im Nordschwarzwald.

    Referenzen:

    Fabian Anger, Nils Anthes, Henri A. Thomassen & Marc I. Förschler (2025): Dispersal, return rates and phenology in an isolated and fragmented population of a declining farmland passerine. Bird Study, DOI: 10.1080/00063657.2025.2455970

    Fabian Anger, Markus Handschuh & Marc I. Förschler (2024): Continuing drastic population decline of Tree Pipit Anthus trivialis and Meadow Pipit Anthus pratensis in the Grindenschwarzwald (Northern Black Forest) despite strict area protection, with suggestions for necessary conservation measures. Vogelwarte 62: 1-12.

    Fabian Anger, Marc I. Förschler & Nils Anthes (2024): Variation in reproductive success in a fragmented Meadow Pipit population: a role for vegetation succession? J. Ornithol. 165: 369-379.

    Fabian Anger (2021): Bruterfolg und Habitatnutzung beim Wiesenpieper im Grindenschwarzwald. Vogelwarte 59: 41-42.

    Marc I. Förschler, Fabian Anger, Esther del Val, Dominique Aichele & Christoph Dreiser (2016): Zur aktuellen und historischen Bestandssituation des Wiesenpiepers Anthus pratensis im Nordschwarzwald. Ornithol. Jh. Bad.-Wurtt. 32: 45-51.

     

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    Forschungs-Konzeption, Vertebraten-Monitoring und Artenschutz

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