Unsichtbare Reisende: Wie High-Tech-Radarsysteme den Vogelzug im Nationalpark Schwarzwald tracken.
Nach Abschluss der Brutzeit ziehen alljährlich im Spätsommer und Herbst Millionen von Zugvögeln aus Nord- und Mitteleuropa in ihre südlichen Winterquartiere. Ihre Flugrouten führen sie dabei über vielfältige ökologische Barrieren hinweg und vermehrt durch Gebiete, in denen menschliche Einflüsse und Infrastrukturen zusätzliche Risiken darstellen. Moderne Technologien eröffnen neue Möglichkeiten, den Vogelzug in seiner zeitlichen und räumlichen Dynamik präzise zu dokumentieren und somit zielgerichtete Schutzstrategien abzuleiten.
Ein sehr effizientes und in den letzten Jahren vermehrt etabliertes Verfahren ist die Radarüberwachung. Über einen achtmonatigen Testzeitraum von Ende August 2025 bis Ende April 2026 kam im Nationalpark Schwarzwald ein Radargerät des Typs Birdscan MR1 (Swiss Birdradar Solution AG) zum Einsatz.
Bei diesem System, das in enger Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Vogelwarte Sempach entwickelt wurde, handelt es sich um ein sogenanntes Vertikalradar: Eine Parabolantenne bündelt dabei einen senkrecht nach oben gerichteten Radarstrahl. Sämtliche Flugobjekte, die diesen Strahl bis in einer Höhe von rund 1.500 Metern über Grund durchqueren – darunter Vögel, aber auch Insekten und Fledermäuse – hinterlassen eine charakteristische Echosignatur. Anhand der Rückstrahlfläche und der zeitlichen Muster der Echointensität können dann präzise Rückschlüsse auf die Objektgröße sowie auf spezifische Flügelschlagmuster gezogen werden. Dank dieser detaillierten Parameter werden alle erfassten Flugobjekte in verschiedene biologische Gruppen klassifiziert. Darüber hinaus erlaubt der rotierende Radarstrahl eine genaue Erfassung sowohl der individuellen Flugrichtungen als auch der Fluggeschwindigkeiten. Die Analyse dieser quantitativen, kontinuierlichen Daten liefert wertvolle Informationen zum saisonalen und tageszeitlichen Verlauf des Vogelzugs, zu Flughöhen sowie zur Zusammensetzung des Zuggeschehens.
Einblick in die vorläufigen Ergebnisse
Allgemein etablierter Standartwert für den Vergleich und die Einschätzung der Vogelzugaktivität ist die Anzahl durchziehender Individuen pro Stunde pro Kilometer (Individuen/h/km).
Unser Radarsystem registrierte während der gesamten Kampagne in Höhenbereichen zwischen 25m und 1.500m insgesamt 191.539 Vögel. Extrapoliert auf eine Breite von einem Kilometer entspricht dies einer Gesamtzahl von 1.091.171 überfliegenden Tieren. Den größten Anteil daran machten Singvögel aus, gefolgt von Watvögeln, Seglern/Schwalben und Großvögeln.
Deutlich erkennbar waren zwei voneinander getrennte Zugperioden im Herbst und Frühling:
Der Herbstzug im Jahr 2025 setzte im Untersuchungsgebiet Mitte August ein und zeigte eine klare Ausrichtung nach Westen bis Südwesten. Die durchschnittliche Zugintensität war in der gesamten Periode 456 Individuen/h/km. Die Hauptaktivität konzentrierte sich auf den Zeitraum zwischen Ende September und Oktober. Während diese Periode kam es zu einigen stark ausgeprägten Zugnächten mit hoher Migrationsintensität. Das Maximum der gesamten Herbstzugzeit wurde in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober mit rund 5.700 Individuen/h/km erreicht.
In den Wintermonaten ging die Anzahl der detektierten Vögel dann naturgemäß stark zurück.
Der Frühlingszug startete bereits Ende Februar 2026 und setzte sich bis zum Abschluss unserer Untersuchung Ende April fort. Die durchschnittliche Zugintensität war hier 346 Individuen/h/km. Die intensivste Phase verzeichnete die erste Aprilhälfte: In der Nacht vom 4. auf den 5. April wurde mit rund 4.100 Individuen/h/km der Höchstwert des Frühjahrszuges erreicht, bevor die Aktivität bis Monatsende abnahm. Der Frühlingszug erfolgte überwiegend nach Osten bis Ostnordosten und verlief damit nahezu entgegengesetzt zur herbstlichen Zugrichtung.
Die Hauptmasse der Vögel war in beiden Zugperioden überwiegend nachts unterwegs.
Im Herbst stieg die Zugintensität zu Beginn der Nacht innerhalb von drei bis vier Stunden kontinuierlich bis zum Maximum an und nahm ab Mitternacht bis zur Morgendämmerung wieder ab. Im Frühling verlief der Intensitätsanstieg zu Beginn der Nacht im Vergleich zum Herbst langsamer und das Maximum verschob sich in die zweite Nachthälfte. Tagesaktivitäten waren generell deutlich geringer ausgeprägt und tendenziell am Vormittag erkennbar.
Die niedrigsten Werte zeigten sich jeweils in der Abenddämmerung.
Die Höhenverteilung der Migration variierte saisonal und artspezifisch. Im Herbst 2025 konzentrierte sich der Vogelzug vorwiegend auf Höhen unterhalb von 400 Meter, wobei der Schwerpunkt hauptsächlich in den unteren 300 Meter über dem Boden lag. Höheren Flughöhen zwischen 500 Meter und 800 Meter waren insbesondere durch Watvögel geprägt.
Im Frühling 2026 verschob sich die Höhenverteilung deutlich nach oben: Im Gegensatz zum Herbstzug, fand der Frühlingszug überwiegend in mittleren Höhen zwischen 300 Meter und 800 Meter statt, während unterhalb von 200 Meter weniger Vögel detektiert wurden.
Eine unterschiedliche Nutzung des Luftraums war ebenfalls erkennbar: nachts ziehende Vögel flogen im Mittel höher als tagsüber ziehende Vögel.
Abschätzung des Zugvolumens über Baden-Württemberg
Die Abteilung für Monitoring und Naturschutzstrategie im Nationalpark Schwarzwald arbeitete im Herbst 2025 im Rahmen eines laufenden ökologischen Forschungsprojekts mit der Universität Basel und dem süddeutschen Windenergietestfeld WINSENT* auf der Schwäbischen Alb zusammen. Beide Untersuchungsgebiete liegen etwa 120 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt und erstrecken sich über einen großen Teil Baden-Württembergs in West-Ost-Richtung. Die hohe Übereinstimmung des saisonalen sowie des tageszeitlichen Verlaufs des Zugvolumens zwischen beiden Standorten erlaubte eine Einschätzung der Intensität des Vogelzugs im Herbst 2025 für ganz Baden-Württemberg.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Zwischen dem 31. August und dem 30. November 2025 durchquerten circa 200 Millionen Vögel den Luftraum über Baden-Württemberg, wobei 80 Prozent davon nachts unterwegs waren und 42 Prozent im windkraftrelevanten Höhenbereich unterhalb von 250 Metern flogen.
Die Nationalparkverwaltung arbeitet derzeit an der Etablierung eines langfristigen Monitorings des Vogelzugs ab 2027 mit einer permanenten Messpunktstation, die mit einer neuen Birdradar-Generation ausgestattet ist. Die gelieferten Daten werden als Grundlage für weitere ökologische Studien dienen und dabei helfen, aktuelle Wissenslücken über das Zugverhalten von Vögeln, aber auch von Fledermäusen und Insekten, zu schließen. Durch die Zusammenarbeit mit anderen bereits funktionierenden europäischen Messstationen wird es zudem möglich sein, das Zuggeschehen über größere Landschaftsräume vorherzusagen, die Planung und Optimierung im Bereich erneuerbarer Energien naturschutzfachlich zu unterstützen und geeignete Schutzmaßnahmen gegen bekannte Konflikte zwischen Vogelzug und menschlichen Aktivitäten zu entwickeln.
* Das Forschungsprojekt WINSENT, gefördert von dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUV) über das Bundesamt für Naturschutz (BfN), verfolgt das Ziel wirksame innovative Vermeidungsmaßnahmen für Vögel und Fledermäuse an Windkraftanlagen zu entwickeln und zu testen um sie besser schützen zu können. Mehr Infos unter: www.winsent.de/de
Referenzen:
Marc I. Förschler, Fabian Anger, Esther del Val Alfaro & Christoph Dreiser (2021): Vertikale und horizontale Konzentration des herbstlichen Vogelzugs in den Hochlagen des Nordschwarzwaldes. Vogelwarte 59: 107-120. (Link zum Artikel)
Herbert Stark, Felix Liechti & Marc I. Förschler (2026): Large-scale synchrony of the autumm bird migration in Baden-Württemberg, Germany. Conference Poster: 5th International Radar Aeroecology Conference & Training Workshop June 24-26, 2026 in Amsterdam, the Netherlands. (Link zum Artikel)
https://www.nationalpark-schwarzwald.de/nationalpark/blog/2020/zugvoegel-unfreiwillige-weltenbummler
https://www.nationalpark-schwarzwald.de/nationalpark/blog/2024/kraniche-fliegen-ueber-nationalpark
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Esther Del Val Alfaro
Forschungs-Konzeption, Vertebraten-Monitoring und Artenschutz
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