Einzelgänger mit Pinselohren

03.07.2026 von Iris Lemanczyk, Frank Hamerla in Kategorie : Blog
  • Es nieselt. Trotzdem treffe ich mich mit Raffael Kratzer auf dem Luchspfad. Zu gern würde ich die größte Raubkatze Europas mit ihren Pinselohren entdecken. Doch selbst Raffael hat noch keinen Luchs live gesehen. Dabei ist er viel im Nationalpark unterwegs, weil er für das Wildtiermonitoring zuständig ist.

    Unsere Chancen sind also gleich null. Dabei gehen wir durch ein Gebiet, das der Luchs liebt: ein zusammenhängender Wald, mit Unterholz für seine Deckung, aber auch mit Felsen und Gesteinsblöcken, auf denen er sich ausruhen und beobachten, sich aber auch verbergen kann. Vielleicht werden wir gerade von einem Luchs beobachtet…. Wobei, er ist eher nachtaktiv und schläft sehr viel. Katze halt.

     

    200 Jahre lang ausgerottet

    „Elf Luchse sind im Schwarzwald wieder sesshaft, nachdem sie ungefähr 200 Jahre lang ausgerottet waren“, erklärt Raffael. Luchse wurden damals aktiv verfolgt, Fallen aufgestellt oder die Tiere wurden abgeschossen.

    In sehr alten Unterlagen von Forstämtern finden sich Aufzeichnungen über Prämien für getötete Luchse und Wölfe. „Die Prämie betrug bis zu zwei Jahresgehälter“, weiß Raffael. So viel Geld, das war natürlich eine gewaltige Motivation den Tieren den Garaus zu machen. Damals weidete das Vieh, also Kühe, Schafe und Ziegen, oftmals im Wald. Für den Luchs sozusagen ein gefundenes Fressen. Für Bauern und Jäger galt er als Jagdschädling. Sie sorgten dafür, dass es im Schwarzwald bald keine Luchse mehr gab.

    Brauchen ein großes Gebiet

    Auf leisen Pfoten ist er aber wieder in den Schwarzwald zurückgekehrt und sesshaft geworden. Von sesshaft oder territorial spricht man, wenn ein Luchs mindestens sechs Monate in einem Gebiet nachgewiesen werden kann. „Luchse benötigen ein großes Gebiet. Zwischen 20.000 und 40.000 Hektar die Kuder, also die Männchen. Und zwischen 5.000 und 15.000 Hektar die Weibchen“, erklärt Raffael. 40.000 Hektar, das sind fast 56.000 Fußballfelder.

    Weibchen fehlen

    „Um einen stabilen Luchsbestand im Schwarzwald zu bekommen, fehlen vor allem Weibchen. Die haben kleinere Reviere und wandern nicht so umher wie die Kuder.“ Deshalb gibt es ein Projekt zur Wiederansiedlung von Luchsen. Im November 2024 wurde die junge Luchs-Katze „Verena“ im Nordschwarzwald ausgewildert. Sie kam von einem Wildgehege in Thüringen und ist nun, zusammen mit „Elisabeth“ (im September 2025 ausgewildert) die Hoffnung auf Luchs-Babys. „Wir gehen davon aus, dass es dieses Jahr Nachwuchs geben könnte“, meint Raffael zuversichtlich. Und tatsächlich, mittlerweile ist Elisabeth Mama geworden. Nach 200 Jahren gibt’s zum ersten Mal Luchsnachwuchs, nun leben zwölf Luchse im Schwarzwald.

    Kuder oder Weibchen?

    Der Luchspfad führt jetzt durch offeneres Gelände. „Wenn ein Tier ausgewildert wird, kennt es sein Revier noch nicht“, erklärt Raffael. „Dann patrouliert es erst in einem kleineren Gebiet und erschließt sich den Rest nach und nach. Durch die Markierungen von anderen Luchsen riecht er, wo ein anderer Luchs ist und erschnuppert auch, ob es ein Kuder oder ein Weibchen ist.“

    Luchse sind Fleischfresser, vor allem Rehe stehen auf ihrem Speiseplan, aber auch Füchse, Hasen und Marder. Ein bis zwei Kilo Fleisch pro Tag sollten es schon sein. Der Luchs ist ein Überraschungsjäger. Er schleicht sich an, springt mit einem kraftvollen Satz auf das Beutetier und beißt zu.

    Nicht nur Freunde

    Trotz seiner mittlerweile hohen Akzeptanz hat der Luchs nicht nur Freunde. Raffael erzählt, als vor ein paar Jahren die Straße vom Ruhestein nach Obertal wegen Baumfällarbeiten und Straßenausbesserungen gesperrt war, munkelten manche Leute: Die vom Nationalpark machen das nicht wegen der Straße, sondern man habe einen Bus gesehen, in dem oben Luchse und unten Wölfe waren, die dann im Nationalpark ausgesetzt worden sind.

    Den Luchs-Feinden zum Trotz: Ziel ist es die Luchs-Population im Schwarzwald langfristig stabil und genetisch divers zu halten. Hoffen wir also weiter auf „Verena“ und „Elisabeth“.

    Raffael und ich sind den fast fünf Kilometer langen Luchspfad abgewandert. Natürlich ohne einen Luchs zu sehen. Aber immerhin hat es aufgehört zu nieseln.

    Steckbrief:

    Größe: bis 120 Zentimeter lang

    Schulterhöhe: 50-70 Zentimeter

    Kuder: 20-25 Kilo Gewicht

    Weibchen: 15-20 Kilo Gewicht

    Fellzeichnung: rötlich bis gelbbraun mit dunklen Flecken, dient zur Tarnung

    Merkmale: lange Hinterbeine, kurzer Schwanz, ausgeprägter Backenbart und ungefähr vier Zentimeter lange Haarpinsel an den Ohrenspitzen

    Luchse sind Einzelgänger, die große Gebiete für sich beanspruchen.

    Der Luchs hört hervorragend. Laute, Bewegungs- oder Fressgeräusche seiner Beutetiere nimmt er über große Entfernungen wahr.

    Er sieht sehr gut, auch nachts.

     

    4 Kommentare

    19.07.2026 um 19:58 Uhr von Petra:

    Wusste vieles nicht
    Danke für den schönen Artikel. Ich wusste vieles nicht, z.B. dass die ‚Kater‘ Kuder heißen. Könnten Luchse denn tatsächlich auch eine Kuh reißen? Könnte es mit den Luchsen irgendwann ähnliche Kontroversen geben wie mit den Wölfen?. Haben die Ohrenpinsel denn eine Funktion?
    Antworten

    23.07.2026 um 08:41 Uhr von Nationalpark Schwarzwald:

    Antwort: Wusste vieles nicht
    Es freut uns, dass du Neues erfahren hast! Es ist unwahrscheinlich, dass ein Luchs eine ausgewachsene Kuh reißt. Luchse sind auf kleinere Beutetiere spezialisiert. Größere Konflikte wie beim Wolf sind eher unwahrscheinlich. Luchse leben allein, sind sehr scheu und begegnen Menschen nur selten. Vereinzelt kann es aber zu Ausnahmen kommen (z. B. Risse von Schafe). Deshalb gibt es teilweise bei Jägern und Nutztierhaltern Vorbehalte. Warum Luchse die Haarbüschel an den Ohren haben, ist nicht sicher. Forschende vermuten, dass sie helfen, Geräusche besser wahrzunehmen – ähnlich wie kleine Antennen.

    21.07.2026 um 08:28 Uhr von Gast:

    Rückkehr der Luchse
    Wie immer ein toller, sehr informativer Bericht. Wie groß stehen die Chancen, dass der Luchs sich weiter in Deutschland ausbreitet? Ein paar Marder dürfte er gerne vor unserer Haustür wegfangen!
    Antworten

    23.07.2026 um 08:32 Uhr von Nationalpark Schwarzwald:

    Antwort: Rückkehr der Luchse
    Hallo, danke für die positive Rückmeldung! Luchse breiten sich von selbst nur langsam aus. Im Gegensatz zu Wölfen werden sie durch Berge, Flüsse oder dicht besiedelte Gebiete stärker eingeschränkt. Deshalb wird ihre Rückkehr nach Deutschland mit gezielten Wiederansiedlungsprojekten unterstützt. Mit der Auswilderung der streng geschützten Raubkatzen soll erreicht werden, dass in Deutschland wieder langfristig überlebensfähige, genetisch gesunde und miteinander vernetzte Luchsbestände entstehen.

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    Iris Lemanczyk

    Iris Lemanczyk

    Bloggt im Auftrag der Nationalparkverwaltung aus dem Nationalpark Schwarzwald.

     

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    Arbeitet mit Bloggerin Iris im Team und macht Bilder für ihre Blogbeiträge.