Zieralgen im Nationalpark Schwarzwald
Beitrag zur Zieralgenflora des Nationalparks Schwarzwald und der Hornisgrinde
Zieralgen (Desmidiaceae) sind mikroskopische Organismen, die im System der Algen als einzige Familie der Ordnung Zieralgenartigen (Desmidiales) aufgeführt sind. Sie gehören der übergeordneten Klasse der Jochalgen (Conjugatae) an, die wiederum den Grünalgen (Chlorophyta) zugerechnet werden. Zu den Zieralgen wird außerdem die nah Verwandte Familie der Mesotaeniaceae gezählt, die, ebenso wie die weit überwiegende Zahl der Zieralgen, eine einzellige Organisationsform aufweisen. Lockere Zellfäden werden nur von wenigen Arten gebildet.
Die Zieralgen verdanken ihre Bezeichnung der auffälligen spiegelbildlichen Symmetrie ihrer beiden Halbzellen, die durch eine Plasmabrücke (Isthmus) miteinander verbunden sind. Ihr Name bezieht sich auf die ästhetische Schönheit dieser formenreichen Algengruppe. In Deutschland sind sie mit fast 1000 Arten und Unterarten vertreten.
Abgesehen von wenigen brackwassertoleranten Arten, leben alle Zieralgen im Süßwasser. Mit wenigen Ausnahmen bevorzugen sie Lebensräume mit einem niedrigen pH-Wert und geringem Nährstoffgehalt. Die meisten Arten finden wir in Mooren und der Uferzone humoser Gewässer mit schwach bis mäßig saurem Wasser.
Dr. Wolfgang Schütz (Emmendingen) und Gabriela Paul (Radebeul) haben eine erste Untersuchung der Zieralgen im Nationalpark Schwarzwald durchgeführt. Bisher wurden 98 Taxa nachgewiesen, darunter mehrere seltene und einige in Baden-Württemberg bisher noch nicht nachgewiesene Taxa.
Untersucht wurden neben dem Hornisgrinde-Hochmoor einige weitere vermoorte Flächen, sowie Uferbereiche des Huzenbacher und des Buhlbachsees, dazu die Oberläufe der Rotmurg und der Schönmünz. Die untersuchten Orte liegen zwischen 690 bis 1.150 Meter über dem Meeresspiegel, die stehenden Gewässer und Moore sind mäßig bis stark sauer (pH-Werte zwischen 3,3 und 5,4), der pH-Wert der Fließgewässer liegt im schwach saurem Bereich. Alle Gewässer sind ionenarm, mit geringen Leitfähigswerten und nährstoffarm.
Wozu untersuchen wir Zieralgen?
Die meisten Zieralgen gedeihen nur unter bestimmten, oft eng begrenzten Bedingungen und sind empfindlich gegenüber Veränderungen ihrer Umwelt. Daher gelten sie als gute Indikatoren für die Qualität und den Zustand von Ökosystemen.
Die im Vergleich zu anderen Mooren geringe Artenzahl erklärt sich übrigens aus dem überwiegend stark sauren Charakter der untersuchten Gewässer und Moore im Nationalpark, der vielen Zieralgen nicht zusagt. Folgerichtig gelten die meisten der im Nationalpark gefundenen Zieralgen als acidophil (säureliebend) und oligotroph - das heißt, sie sind empfindlich gegenüber dem Eintrag von Nährstoffen (Eutrophierung).
Seltene und charakteristische Zieralgen
Einige dieser Arten aus dem Nationalpark sollen kurz vorgestellt werden:
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Actinotaenium palangula – eine in Mitteleuropa seltene Art, die in sauren bis mäßig sauren Mooren vorkommt und aus dem Nord-Schwarzwald zum erstenmal beschrieben wurde.
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Closterium costatum var. borgei wurde von uns für Baden-Württemberg zum erstenmal nachgewiesen.
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Euastrum cuneatum – eine im nördlichen atlantischen Klimagebiet häufige, aber in Deutschland seltene Art.
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Netrium digitus – ausgeprägt acidophil und häufigste Art im Untersuchungsgebiet; oft massenhaft auftretend.
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Penium spirostriolatum var. amplifiatum - sehr selten in Deutschland und neu für Baden-Württemberg.
Unter den 98 Taxa sind 34 auf der Roten Liste gefährdeter Arten, darunter sechs Arten der Gefährdungskategorie 2 und 28 Arten der Kategorie 3. Die Erhaltung des Wasserhaushalts und der ökologischen Integrität der Wuchsorte ist entscheidend für ihren Schutz. Die hohe Zahl gefährdeter Zieralgen unterstreicht die Schutzwürdigkeit des Nationalparks.
Infobox: Algen
Algen werden gemeinhin als verschiedenfarbige Beläge auf Steinen, grüne, fädige Watten oder als eine das Wasser färbende Massenentwicklung planktischer Algen wahrgenommen. Unter den Begriff „Algen“ fallen dabei zahlreiche Gruppen unterschiedlichster Verwandtschaft, deren einzige Gemeinsamkeit die Fähigkeit zur Photsynthese ist.
Algen können ein- oder mehrzellig sein, kugelige, fädige oder auch flächige Vegetationskörper bilden. Sie kommen vor allem in Gewässern, aber auch an Land vor, z.B. an Felsen, Baumrinden und in Böden. Algen können mit Pilzen eine Symbiose eingehen, die als Flechten bezeichnet werden. Man unterscheidet Blaualgen (Cyanobakterien), Rotalgen (Rhodophyta), Goldalgen (Chrysophyta hierzu die Diatomeen), Braunalgen (Phaeophyta), Grünalgen (Chlorophyta), Dinoflagellaten (Pyrrhophyta) und Augentierchen (Euglenophyta).
Die Algengruppen unterscheiden durch die Anzahl der Geißeln und die Zusammensetzung ihrer Photosynthesepigmente. Rotalgen haben keine Geißeln, überwiegend Chlorophyll a sowie die roten Pigmente Phycocyanin und Phycoerythrin. Grünalgen (zu denen auch die Zieralgen gehören) dagegen haben zwei oder ein Vielfaches von zwei Geißeln und die Chlorophylle a und b. Die Höheren Pflanzen haben sich aus Grünalgen entwickelt und haben somit ebenfalls die Chlorophylle a und b.
Es gibt schätzungsweise über 400.000 Algenarten. Das älteste Fossil - eine Grünalge - ist über 900 Millionen Jahre alt. Algen sind wichtige Sauerstofflieferanten, Primärbesiedler und extreme Überlebenskünstler. So können sie die Randbereiche heißer Quellen von 70° C, aber auch arktische Gewässer besiedeln. Sie sind somit eine wichtige Lebensgrundlage für die Existenz vieler Arten bilden.
Unter den Algen gibt es zahlreiche Indikatorarten, die empfindlich auf Veränderungen der Wasserqualität (Nährstoffe, pH-Wert, Schwermetalle) und Luftverschmutzung reagieren.
Wieso können wir eigentlich nicht Photosynthese betreiben?
All diese unterschiedlichen Algengruppen haben im Laufe der Evolution Cyanobakterien als sogenannte Endosymbionten erworben. Man geht davon aus, dass sich die für die Photosynthese erforderlichen Zellstrukturen (Chloroplasten) aus diese Endosymbionten entwickelt haben. Erstaunlich ist, dass diese Entwicklung in den verschiedenen, nicht unmittelbar miteinander verwandten Algengruppen unabhängig voneinander erfolgt ist.
Referenzen:
Schütz W., Paul, G, Popa F (2025) Beitrag zur Zieralgenflora des Nationalparks Schwarzwald und der Hornisgrinde. Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg: (181) pp. 35-61. DOI: https://doi.org/10.26251/jhgfn.181.2025.035-061
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Dr. Flavius Popa
Pilzexperte des Nationalpark Schwarzwald
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26.01.2026 um 08:53 Uhr von Dr. Hiltrud StraßerGast:
26.01.2026 um 08:53 Uhr von Dr. Flavius Popa: