Zitronenzeisig - Das Leise Verschwinden Des „Zitrinchens“ Im Schwarzwald
Der Zitronenzeisig (Carduelis citrinella) ist eine der wenigen endemischen Vogelarten Europas. Er hat ein kleines und fragmentiertes Verbreitungsgebiet, das auf eine eng begrenzte Höhenstufe in wenigen Gebirgsregionen Südwest- und Mitteleuropas beschränkt ist. Dort ist er wiederum auf bestimmte halboffene Habitate mit geeigneten Nahrungsressourcen angewiesen. Diese hohe Spezialisierung macht ihn besonders empfindlich gegenüber Umwelt- und Lebensraumveränderungen.
In ganz Europa sind derzeit starke Bestandsrückgänge einzelner Teilpopulationen zu verzeichnen, weshalb die Art in vielen Teilen ihres Verbreitungsgebiets als gefährdet eingestuft wird. In Deutschland ist die negative Entwicklung des Bestands im Schwarzwald besonders dramatisch. In diesem traditionellen, ehemals ausgedehnten und bedeutenden Brutgebiet ist die Population des Zitronenzeisigs seit 1985 um mindestens 97,5 Prozent zurückgegangen und damit praktisch kollabiert. Der Bestand ist mittlerweile auf eine winzige Restpopulation im Südschwarzwald am Feldberg und Belchen zusammengeschmolzen. Im mittleren und nördlichen Schwarzwald ist er als Brutvogel sogar völlig verschwunden. Die letzten Brutpaare wurden hier 2016 im Nationalpark Schwarzwald beobachtet.
Die Rettung der letzten ihrer Art
Angesichts der dramatischen Entwicklung wurde im Frühjahr 2022 in Kooperation zwischen dem Regierungspräsidium Freiburg, dem Fachbereich für Ökologisches Monitoring, Forschung und Artenschutz des Nationalparks Schwarzwald sowie dem Zoologischen Stadtgarten Karlsruhe ein Rettungsprogramm für den Zitronenzeisig im südlichen Schwarzwald initiiert. Das Ziel des Programms ist es, das Aussterben des Zitronenzeisigs in Baden-Württemberg zu verhindern und seine Wiederausbreitung zu fördern.
Ein wesentlicher Teil der Maßnahmen konzentriert sich zunächst auf die Verbesserung der ungünstigen Nahrungssituation in den letzten Brutgebieten durch supplementäre Fütterung, Pflegemaßnahmen zur Wiederherstellung geeigneter Nahrungsflächen und Anpassungen der Flächenbewirtschaftung. Letzteres ist einer der wichtigsten Schlüssel zum Erfolg des Rettungsprogramms, da sich die Lebensbedingungen durch die geänderte Flächenbewirtschaftung in den letzten Jahrzehnten stark verschlechtert haben. Insbesondere durch eine großflächige, naturnahe Beweidung mit großen Grasfressern (vor allem Rinder und Pferde) sollen geeignete, nahrungsreiche Lebensräume für den Zitronenzeisig erhalten und gezielt wiederhergestellt werden. Eine angepasste extensive Bewirtschaftung mit Großherbivoren ist außerdem dazu geeignet, negativen klimatischen Effekten entgegenzuwirken oder diese abzumildern.
Zur Überprüfung des Erfolgs der Maßnahmen wird ein dauerhaftes Monitoring von Brutbestand und Bruterfolg sowie ein Krankheitsscreening der Population auf den besiedelten Flächen durchgeführt. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurde erstmals eine sehr hohe Prävalenz eines parasitischen Befalls mit Räudemilben (Knemidocoptes jamaicensis) festgestellt. Zum Projektbeginn war etwa ein Drittel aller ausgewachsenen Vögel von der Krankheit betroffen. Die Krankheit äußert sich durch eine progressive Verkalkung und Deformierung der Beine und führt zu schweren Störungen des Allgemeinbefindens sowie zu zunehmender Beeinträchtigung und Konditionsverlust. Unbehandelt kann sie in den meisten Fällen den Tod der betroffenen Vögel verursachen.
Warum aktuell so viele Zitronenzeisige an Kalkbeinräude erkranken, ist noch unklar. Es ist jedoch möglich, dass die Krankheit eine wichtige Rolle beim starken Rückgang der lokalen Population spielt. Meldungen aus Vorarlberg, der Schweiz und dem gesamten Alpenraum zeigen, dass es sich um ein Problem handelt, das nicht nur den Schwarzwald betrifft, sondern im gesamten Freiland vorkommt und sich weiter auszubreiten droht.
Um einen weiteren Verlust der ohnehin wenigen Individuen im Südschwarzwald zu verhindern, werden die Zitronenzeisige seit Feststellung der Krankheit im Feld gefangen und individuell behandelt. Ab dem dritten Jahr der Behandlung nimmt die Krankheitsrate deutlich ab. Ob dieses positive Ergebnis allerdings dauerhaft ist, bleibt abzuwarten.
Zukunftsaussichten: Lokale Anstrengungen reichen nicht aus
Auch aus anderen Zitronenzeisig-Populationen sind negative Bestandsentwicklungen bekannt. Die auffälligsten Veränderungen sind in Teilen Voralbergs wie dem Bregenzer Wald und die benachbarten Vogesen zu beobachten, wo die Art ebenfalls fast völlig verschwunden ist. Deutliche Rückgänge in der Schweiz und im Jura sowie in Bayern deuten allerdings auf ein überregionales Problem hin. Laut der Vogelwarte Sempach hat die Zahl der an der Beringungsstation am Col de Bretolet durchziehenden Vögel deutlich abgenommen. Auch in Spanien, wo ein Großteil des Weltbestands lebt, sind deutliche Populationsrückgänge zu verzeichnen, weshalb die Art auf die Vorwarnliste der nationalen Roten Liste der Brutvögel gesetzt wurde.
Angesichts der zunehmenden Gefährdung des Zitronenzeisigs sind Anpassungen seines Schutzstatus sowohl auf globaler als auch auf europäischer Ebene dringend erforderlich. Um die Zukunft der Art zu sichern, sind Maßnahmen zur Erhaltung und Wiederherstellung gut geeigneter Lebensräume im gesamten Verbreitungsgebiet notwendig. Dabei ist eine ganzjährig hohe Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Nahrungspflanzen sowohl in den Brut- als auch in den Überwinterungsgebieten von entscheidender Bedeutung. Auch weitere negative Einflussfaktoren, wie genetische Verarmung lokaler Populationen oder Krankheiten, sind ebenfalls sorgfältig zu beobachten. So kann bei Bedarf frühzeitig eingegriffen werden, um weiteren Rückgängen entgegenzuwirken.
Referenzen
Handschuh M, Apel R, Förschler MI (2024). Kakbeinräude beim Zitronenzeisig. Der Falke 5/2024:42-46.
Weitere Nachrichten
Hinterlasse uns einen Kommentar:
Zur Person
Esther Del Val Alfaro
Forschungs-Konzeption, Vertebraten-Monitoring und Artenschutz
Tel.: +49 7442 180 18 270
esther.delvalalfaro@nlp.bwl.de
Markus Handschuh
Forschungs-Konzeption, Vertebraten-Monitoring und Artenschutz
Tel.: +49 7442 18018 212
markus.handschuh@nlp.bwl.de
Dr. Marc Förschler
Forschungs-Konzeption, Vertebraten-Monitoring und Artenschutz
Tel.: +49 7442 18018 200
marc.foerschler@nlp.bwl.de
Kommentare
Aktuell sind noch keine Kommentare vorhanden.