Dem Krabbeln auf der Spur

24.06.2021 von Dennis Müller in Kategorie: Blog

Ist die Abendsonne einmal weg, krabbeln sie hervor – die Großlaufkäfer. Tagsüber sitzen sie versteckt im Totholz und unter Steinen. Dies weiß Naturforscher Jörn Buse. Mit einer App durchstreift er das Gelände des Nationalparks, um Käferdaten zu sammeln. Wozu, verriet er Nationalparkblogger Dennis Müller.

Spätestens seit meiner Nacht im Trekkingcamp Erdbeerloch im vergangenen Sommer weiß ich eines ganz genau: So ganz kommt der Nationalpark auch zu später Stunde nicht zur Ruhe. Den Protagonisten dieses Beitrags, den zehn im Nationalpark lebenden Großlaufkäfer-Arten, bin ich damals aber wohl nicht begegnet. Denn die mögen es eher kühl und feucht und ziehen sich gerne ins Totholz zurück, wie mir Jörn Buse eingangs verrät. Jörn Buse ist promovierter Naturwissenschaftler und seit 2016 Sachbereichsleiter für Invertebraten (Wirbellose Tiere) und Biodiversität im Nationalpark. Und wer sich auf die Suche nach den wirbellosen Räubern begibt, muss wissen, wo.

Hier kommt die neue, noch namenlose Laufkäfer-App von Initiator Jörn Buse ins Spiel. In ihr sind 30 Großlaufkäfer-Arten aus ganz Baden-Württemberg hinterlegt. Die App wird seit März 2019 im Rahmen einer Programmausschreibung des Landesministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg entwickelt. Nachdem das Rangerteam im Nationalpark und andere Nutzer sie ausführlich getestet haben, steht sie nun kurz vor der Veröffentlichung.

Für wen die App wie gemacht ist

Ist die App auch was für Wandersleute, möchte ich wissen. Buse: „Das kommt darauf an.” Denn die Personengruppe, auf die man es bei der App-Entwicklung primär abgesehen habe, sei der sogenannten Bürgerwissenschaftler. „Das sind keine Menschen, die nur ein paar Mal pro Jahr im Nationalpark unterwegs sind, sondern Leute, die in ihrer Freizeit gezielt nach Insekten forschen, also Hobby-Entomologen.” Buse konkretisiert: „Nutzer dieser App sollten zumindest ein gehobenes Interesse am Thema sowie regelmäßige Berührungspunkte mit den Käfern in der Natur haben.” Denn die Beschäftigung mit Laufkäfern sei „ein sehr zeitintensives Hobby”.

Kurzum möchte Buse mit der zeitgemäßen Laufkäfer-App „alle interessierten Bürgerinnen und Bürger” ansprechen, speziell auch „junge Nachwuchs-Entomologen und aufstrebende Wissenschaftler von morgen”.

Zwei Jahre Entwicklung und Tests

Während der Entwicklungsphase der App erhielt Buse besondere Rückendeckung aus verschiedenen Nationalparkteams. Während IT-Kollege Christoph Dreiser in Sachen Fernerkundung und App-Programmierung unterstützte, half Kollegin Silke Petri dabei, die App mit einer Datenbank zu verknüpfen und Meldeketten zu initiieren. Neben diesem Kernteam für die technische Umsetzung, erklärten sich zwei Nationalpark-Ranger sowie ein externer Helfer bereit, regelmäßig die neuen App-Versionen im Freien zu testen.

Das Grundgerüst der App habe dabei recht schnell nach Projektstart Konturen angenommen, blickt Buse zufrieden zurück. Ein ähnlich gelagertes Vorläuferprojekt, eine App über Sandlaufkäfer des Nahen Ostens, sei als wichtige Inspirationsquelle herangezogen worden. „Dadurch sparten wir natürlich wertvolle Entwicklungszeit.” Zeit, die in der Folge umso mehr für die exakte Bestimmung regionaler Käferarten sowie wiederkehrende Optimierungsläufe zum Ausräumen von Appfehlern  benötigt wurde. So gelangten Buse und sein Team Schritt für Schritt näher an ihr Ziel – einer vollfunktionsfähigen Laufkäfer-App, die, so Buse stolz, „nicht nur als klassisches Datensammelportal sondern auch als Informationsquelle für interessierte Bürgerinnen und Bürger fungieren soll.”

Nutzen und Nachhaltigkeit

Für Interessierte bestehe der größte Nutzen der App darin, „dass sich Laufkäfer-Arten, die man im Gelände findet, leicht und schnell anhand von Vergleichsbildern bestimmen lassen.” Darüber hinaus erhalten Nutzerinnen und Nutzer nach einem kurzen Bestimmungsgang auf einem ausführlichen Faktenblatt (Factsheet) weitere Informationen zur vorliegenden Laufkäferart. Wer zugleich – auf freiwilliger Basis – registriert ist und die Meldefunktion der App aktiviert hat, kann die eigenen Käferfunde stets mit exakter Zeit- und Ortsangabe in einer Verbreitungskarte ansehen.

Bleibt die Frage: Was erhofft sich das Forschungsteam des Nationalparks von diesen Daten? Buse führt aus: „Alle diese Daten laufen direkt in unsere Datenbank. Indem sie unsere App nutzen, helfen Interessierte uns Wissenschaftlern sehr bei der Erhebung von Daten über die räumliche und zeitliche Verbreitung der Käferarten.” Bislang, so Buse, lägen Vorkommensdaten lediglich von einzelnen Sammlern oder in Atlaswerken vor. Diese Daten seien jedoch je nach Region nur sehr grob und zeitlich sehr dünn. Buse weiß jedoch: „Um zeitliche Veränderungen in den Vorkommen von Arten zu untersuchen, braucht es kleinräumigere und zeitlich besser getaktete Daten.” Die App soll diese liefern und zugleich Interessierten einen Überblick über ökologische Zusammenhänge sowie die Bedeutung einzelner Arten bieten.

Im Hauptmenü sorgt eine übersichtliche Kacheloptik mit fünf Rubriken für eine leichte und intuitive Bedienbarkeit.

In der Rubrik 'Käferbestimmung' können App-Nutzende anhand von Bildvorschlägen Käferarten identifizieren.

Am Ende der Bestimmung gibt die App die Info aus, um welchen Käfer es sich handelt und liefert weitere Infos.

Registrierte App-Nutzende (freiwillig) können in 'Meine Funde' die Historie ihrer Käferfunde mit Geopunkten dokumentieren.

Dabei kann die anwendende Person auch die Käferart, die genauen Fundort-Koordinaten sowie die exakte Uhrzeit nachvollziehen.

„Funktionales Verständnis für Veränderungen”

Auf Basis der so generierten Verbreitungsdaten können Buse und sein Team letztlich Rückschlüsse auf die Veränderung von Lebensräumen im Nordschwarzwald ziehen. Das hilft gerade bei der Erforschung von Folgen des Klimawandels. Zudem lassen sich Aussagen über den potentiellen Rückgang von diesen Insekten treffen. Jörn Buse resümiert: „Im Kern wollen wir ein funktionales Verständnis für mittel- und langfristige Veränderungen bei den Laufkäferarten und deren Lebensräumen erlangen. Das bedeutet, nicht nur die Veränderungen an sich festzustellen, sondern auch deren Ursachen auf den Grund zu gehen.”

Eine breite, solide Datenbasis sei da zweifelsohne ein wichtiger Baustein, wenngleich sich Buse auf meine Nachfrage „nicht auf eine gewünschte Nutzerzahl festlegen” will. Sein knappes Fazit: „Wir haben in den letzten beiden Wintern mehr als 100 Käfernachweise mit der App generiert. Je mehr Leute sich nun – nach der Veröffentlichung – für eine App-nutzung begeistern lassen, umso besser.”

  • MEHR ERFAHREN:
    Jörn Buse, Sachbereichsleiter Invertebraten und Biodiversität Nationalpark Schwarzwald, Tel.: +49 7442 18018 230, E-Mail, Jörn Buse on ResearchGate

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Zum Autor

Dennis Müller

Bloggt im Auftrag von Kresse & Discher für den Nationalpark Schwarzwald.

 

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