Der vom Klimawandel profitiert
Was ich heute schreibe, wird so manchem nicht gefallen. Dessen bin ich mir bewusst. Auch im Nationalpark ist das Thema heikel, es musste sogar genehmigt werden, was bisher noch nie der Fall war. Aber ich möchte über ihn schreiben! Nicht, weil er mir so gefällt oder weil ich seine zerstörerische Kraft so bewundere, sondern weil ich glaube, was kapiert zu haben. Was Grundsätzliches. Deshalb geht‘s heute um den Borkenkäfer, genauer gesagt um Ips typographus, den Buchdrucker. So heißt die Art, die hauptsächlich bei uns vorkommt, wirklich.
Bevor ich mit dem Nationalpark zu tun hatte, war der Borkenkäfer für mich per se schlecht. Ips typographus vernichtet Fichte um Fichte, frisst sich durch unsere Wälder. So klagen die Waldbesitzer, so steht es in der Presse, so wird es kommuniziert. Wir sehen im Schwarzwald graue Fichtenskelette ohne Nadeln. Silberne Wälder. Sie sehen furchtbar aus.
Mehr Eier, mehr Borkenkäfer
Der Klimawandel mit höheren Temperaturen, mit warmen und trockenen Sommern verbessert auch noch die Lebensbedingungen des Borkenkäfers. Er profitiert vom Klimawandel, denn er liebt die flachwurzelnden Fichten, die stark unter der Trockenheit leiden. Sie haben Stress. Dann kommt auch noch der Borkenkäfer und bohrt seine Gänge in die Fichte, um die Eier abzulegen. Mehr Gänge, mehr Eier, mehr Borkenkäfer, mehr tote Fichten. Bis zu 100 000 Eier kann ein Weibchen in einem Jahr ablegen. Eine gruselige Vorstellung. Wenn ich Waldbesitzerin wäre und zum Ziel hätte, Holz gewinnbringend zu verkaufen, dann wäre Ips typographus mein Feind. Alles nachvollziehbar. Einerseits.
Ohne Profit
Andererseits gibt’s den Nationalpark, der keine Profite aus dem Wald rausholt. Der Natur Natur sein lässt. Ich erinnere mich noch gut, als ich das erste Mal mit einem Ranger, Hubert hieß er, unterwegs war. Er war nicht unglücklich über den Borkenkäfer, sagte, dass er zur Artenvielfalt beitrüge. Fotograf Andreas und mir müssen die Fragezeichen nur so im Gesicht gestanden sein. Der Borkenkäfer ist also nicht nur schlecht?!
„Der Käfer macht seine Arbeit“, sagte Hubert. Für die Biodiversität können dadurch wichtige Prozesse ablaufen: Durch den Borkenkäfer stirbt die Fichte, ihr Totholz ist wichtig für Insekten und Pilze. Aber auch beispielsweise der Dreizehenspecht braucht solche Bäume. Selbst der Schatten der toten Fichten reicht aus, dass es auf dem Waldboden immer noch sehr unterschiedliche Lichtverhältnisse gibt, sodass auch Baumarten wie Buche und Tanne gute Keimbedingungen haben.
„Wir geben dem Wald Zeit. Er wird sich verändern, dies beobachten wir“, erklärt Simone Beck, die im Nationalpark den Bereich Wald und Naturschutz leitet.
Im Pufferstreifen geht’s dem Käfer an den Kragen
Zwischen dem Nationalpark und dem Nutzwald gibt es einen Pufferstreifen. Hier wird der Borkenkäfer eingedämmt. Mit modernster Technik und vereinten Kräften von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, von ForstBW, der Stadt Baden-Baden und des Nationalparks soll der Borkenkäfer in Schach gehalten werden.
„In der Kernzone aber darf er sich wie alle Arten entfalten und neue Strukturen schaffen – Lebensraum für viele bedrohte Pflanzen und Tiere“, sagt Simone Beck.
Mehr zum Borkenkäfermanagement in der Managementzone des Nationalparks unter: Mit modernster Technik dem Borkenkäfer auf der Spur.
Borkenkäfermanagement im Nationalpark Schwarzwald
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Eine App hilft
Im Pufferstreifen macht eine App sichtbar, wo befallene Bäume bei den Kontrollen entdeckt wurden. Dann muss der befallene Baum schnell gefällt und abtransportiert werden. Je schneller der Abtransport, desto schwieriger wird es für den Borkenkäfer sich zu vermehren.
In den Kernzonen des Nationalparks bietet sich hingegen die Chance, die Arbeit des Borkenkäfers ohne Störungen zu beobachten und wissenschaftlich zu begleiten. Gleichzeitig arbeitet das Nationalparkteam daran, Rückschlüsse zu ziehen und Zusammenhänge zu verstehen, auch für den weiteren Umgang mit den Käfern im bewirtschafteten Wald. Denn die guten Entwicklungsbedingungen für den Borkenkäfer werden bleiben. Und damit auch der Borkenkäfer.
Tote Bäume und Verlust auf der einen Seite, Verjüngung und Veränderung auf der anderen. Es gibt nicht die eine gültige Sichtweise. Diese hängt schlicht und einfach vom Ziel ab, das man mit dem Wald verfolgt. Das mit der Sichtweise gilt natürlich nicht nur für den Wald und den Borkenkäfer.
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Zur Person
Iris Lemanczyk
Bloggt im Auftrag der Nationalparkverwaltung aus dem Nationalpark Schwarzwald.
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3 Kommentare
18.07.2024 um 13:07 Uhr von Gast:
18.07.2024 um 13:40 Uhr von Bettina:
18.07.2024 um 23:21 Uhr von Gast: